london: Liam Scarlett: «Hansel and Gretel»

Tanz - Logo

Er ist noch keine dreißig, und deshalb macht Liam Scarlett erst mal die Probe aufs Exempel. Doch selbst ein Ballett wie «Hansel and Gretel» ist kein Kinderspiel, auch wenn das der Titel vermuten lässt. Vielmehr handelt es sich bei der abendfüllenden Uraufführung um eine Auftragsarbeit, und sie findet nicht ohne Grund im Linbury Studio Theatre statt. Das nämlich befindet sich unterhalb des eigentlichen Opernhauses und ist als Black Box wie geschaffen, um das Abgründige der menschlichen Psyche auf physische Weise erfahrbar zu machen.

Scarlett erzählt schließlich kein Märchen à la Brüder Grimm oder Engelbert Humperdinck. Hansel und Gretel sind vielmehr hineingeboren in ein amerikanisches Familiendrama der 1950er- Jahre, das so gar nichts Fantastisches mehr hat. Die verstorbene Mutter: Hier ist sie nur noch eine Bild gewordene Erinnerung, während der Vater seinen ganzen Frust, vielleicht auch seine Trauer im Alkohol ersäuft. Kein Wunder, wenn seine Kinder dieser Versagerwelt zu entrinnen suchen.

Der Sandmann kommt ihnen dabei gerade recht. Dem Kühlschrank entsteigend, gleicht er Charlie McCarthy bis aufs gelackte Haar. Die Bauchrednerpuppe, in so vielen amerikanischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Januar 2014
Rubrik: kalender und kritik, Seite 47
von Hartmut Regitz

Weitere Beiträge
Die Lehrerin: Polina Semionova

Sie sind gemeinsam von der Hochschule für Schauspiel «Ernst Busch» und der Staatlichen Ballettschule Berlin ab sofort zur Honorarprofessorin ernannt worden. Seit Sie 2012 das Staatsballett Berlin verlassen haben, tanzen Sie mit dem American Ballet Theatre und gastieren weltweit, etwa beim Bayerischen Staatsballett, an Semperoper und Mailänder Scala sowie am...

hamburg: Moses Pendleton: «Botanica»

Auch bei der Wiederaufnahme seines 1982 uraufgeführten «Tutuguri: Ritus der schwarzen Sonne» tanzte Moses Pendleton den Titelpart, das Alter Ego von Antonin Artaud, auf dessen Texte sich das Stück bezog. Fürs Ballett der Deutschen Oper Berlin wurde jene Zweitbegegnung 1995 ein Erfolg, für Pendleton, 1949 als Farmersohn geboren und Absolvent eines ...

heidelberg: Nanine Linning: «Endless»

Ein Augenblick kann über Liebe und Leben entscheiden. Einige davon sind in der Aufführung zu sehen. Andere erlebt man unmittelbar, bevor sich die Türen zum Marguerre-Saal öffnen. Die Tänzer der Dance Company Nanine Linning/Theater Heidelberg sind mitten unter uns, und während man selbst vielleicht noch mit der Vorbereitung auf den Abend beschäftigt ist, haben...