Zugvögel
Freiheit – so fühlt sich dieser Tanz an. Mit Macht treibt er voran, strömt auf die Bühne wie angesogen von der ersehnten Aussicht, taumelt weiter, schneller, schwindelerregend, immer näher an den endlosen Himmel heran. Leidenschaftlich werfen die Tänzer ihre Arme und Beine in die Luft, als wären es Flügel und sie könnten sich in die Luft schwingen und das Dach des ehrwürdigen Hauses aufsprengen, gemeinsam ausschwärmen, auf dem Wind ins Weite – vor sich alle Ewigkeit.
So viel Leidenschaft ist ansteckend. Und rührend.
Sie verhindert, dass wir uns in den altrosa Polstern auf unserer Lebenserfahrung ausruhen. Kunst ist nicht Leben. Illusionen zerplatzen. Kein Walzer währt ewig; dann gehen die Lichter aus. Warum also schwelgen? Aber ist Vorsicht wirklich besser als Nachgeben? Jirí Kylián mag ein Romantiker sein, naiv ist er nicht. Seiner hemmungslos jauchzenden Hymne an die Lebensfreude im rauschhaften Walzertakt Ravels geht eine lange Stunde elegische Abschiedsstimmung voran. Es heißt, die «Zugvögel» seien seine letzte große Bühnenproduktion. Will man den Humanisten und Eklektiker zwischen Ballett, Modern Dance, strenger Abstraktion und Volkstanzseele fassen: Vergänglichkeit ist sein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Er wollte Akrobat werden, wurde Tänzer. Ein Interview mit Jirí Kylián.
Wer ist Kylián wirklich? Ein Porträt
Kein menschlicher Körper ist wirklich symmetrisch. Sind zwei Beine gleich? Ist ein Arm nicht etwas länger? Ist Symmetrie nur ein Ideal? In der Architektur und im Ballett sorgt sie deshalb für den Eindruck von Harmonie, weil man von Symmetrie in jeder Beziehung zwischen zwei Menschen träumt. Doch wie symmetrisch ist eine Ehe, wie symmetrisch sind zwei Körper...
In den wohlhabenden Vororten von Johannesburg fährt man gern den silbergrauen Hyundai SUV. Auf der anderen Seite der Stadt, in den Townships, bevorzugt man weiße Minibusse. Der Choreograf Sello Pesa fährt einen schwarzen VW-Käfer. Ein ungewöhnliches Auto für eine südafrikanische Großstadt. Doch der kleine Käfer führt auch ein ungewöhnliches Leben. Abends parkt er...
Robert Lepage, dessen Name in deutschen Feuilletons nie ohne den Zusatz «der Theatermagier» vorkommt, ist bekannt dafür, dass seine Stücke bei der Premiere nicht fertig sind. Seit jeher begreift er seine Arbeiten als work in progress. Und weil der Weg das Ziel ist und die Kunst wie das Leben ein Fluss in Bewegung, erweitert, kürzt und ändert er seine Stücke bis zur...
