Das letzte Glück
Zweieinhalb Wochen zuvor war die Welt noch in Ordnung. Man fuhr zu Pina Bausch nach Wuppertal, das «Neue Stück» zu sehen. Erfreute sich an den frischen Gesichtern des Tanztheater-Nachwuchses, bewunderte die Bewegungs-Serpentinen, auf denen Schmerz und Lust in Endlosschleifen vorüberglitten. Sammelte Bausch’sche Selbstzitate auf und staunte über klassische Arabesquen, die sich zur ironisch erleuchteten Ahnengalerie gruppierten. Und schrieb schließlich diesen Satz: «Wer die Bretter der eigenen Tradition derart rücksichtslos durchbohrt, ist in der Freiheit angekommen.
»
Der Satz stand da, seltsam endgültig. Als könne da gar nichts mehr nachfolgen. Zweieinhalb Wochen später gibt es kein Fragezeichen mehr. Pina Bausch ist tot. Dass das «Neue Stück» ihr letztes bleiben wird, ist unbegreiflich. Sechzehn Tänzer und Tänzerinnen sitzen auf der Bühne und streichen dem Vordermann durchs Haar, wühlen sich durch Lo-ckenmähnen bis zur Kopfhaut. In Chile, wo das Wuppertaler Ensemble im Februar unterwegs gewesen ist, kennt jedermann dieses Bild: die Läusesuche als allabendliche Routine. Aber Pina Bausch, und das ist einmal mehr das große Geschenk dieses letzten Stücks, hebt jede vertraute Geste, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Caroline Llorca, Sie waren selbst Erste Solistin in Paris, gelten als Spezialistin der Vaganova-Technik, seit 2001 sind Sie Professorin für Klassisches Ballett an der Ballettakademie der Münchner Hochschule für Musik und Theater. Was braucht der Nachwuchs? ...
Vor drei Jahren machte Nicole Chirpaz in Paris Furore – als Choreografin und Regisseurin einer spektakulären Revue für das berühmte Cabaret Bobino. Damit forderte das Theater die Shows des Moulin Rouge und des Lido heraus. Für Nicole Chirpaz war es eher ein Seitensprung. Ein erfolgreicher. Im Hauptberuf unterrichtet sie junge Tänzer. Mit Leidenschaft. Schon 1973...
Brest, Bretagne, Dezember 2006
Das Ballett der Opéra de Lyon gastiert. Die deutsche Austauschschülerin Alma Toaspern aus Leipzig sitzt in Reihe drei und ist elektrisiert. «Limb’s Theorem» von William Forsythe. Bei Google und YouTube forscht sie nach dem Choreografen, von dem sie noch nie etwas gesehen, geschweige denn gehört hat. «Aber ich wollte die ganze Zeit mit...
