ich erinnere mich

Homosexualität und AIDS. Raimund Hoghe gedenkt in seinem jüngsten Stück – «Si je meurs laissez le balcon ouvert» – nicht nur Dominique Bagouets, des Gründers von «Montpellier Danse».

Tanz - Logo

Henry Purcells Trauermarsch braust auf. In elegantem Schwarz betritt einer nach dem anderen die Bühne und geht auf den Hintergrund zu. Da stehen sie dann in einer Reihe, alle neun, mit dem Rücken zu uns, Raimund Hoghe hält die Mitte. Eine dunkle Phalanx vor der Schwärze des Hintergrunds, Besucher einer Beerdigung vielleicht, die Abschied nehmen, innehalten, die letzte Ehre erweisen. Die Frauen und Männer wippen zart auf den Absätzen. Wenn sie das Sakko ausziehen, leuchten Shirts und Hemden: lachsfarben, in tiefem Rot, im kräftigen Gelb, silbrig, meeresblau.

Bei aller Todesnähe war Hoghes Welt noch nie so bunt. Die Tänzer fassen sich an den Händen, sie verharren, als stünden sie vor dem Abgrund, als trügen sie gemeinsam Verlust und Trauer, dann drehen sie sich zu uns um, verfolgen die Spuren der Erinnerung und öffnen die Räume des Vergessens.

«Wenn ich sterbe, lasst den Balkon geöffnet», heißt es in einem Gedicht von Federico García Lorca, der gerade 38 Jahre alt war, als er 1936 ermordet wurde. Schon einmal hat Hoghe diese Zeilen zitiert, in seinem Gedenken an die mit 24 Jahren an Krebs gestorbenen Pina-Bausch-Tänzerin Isabel Ribas Serra. «Si je meurs laissez le balcon ouvert», ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Dezember 2010
Rubrik: produktion, Seite 8
von Katja Schneider

Vergriffen
Weitere Beiträge
festivalmacher: Frederic Flamand

Der Chef des Ballet National de Marseille wird im November 2011 und 2013 das Tanzfestival in Cannes leiten. Der Nachfolger von Yorgos Lukos möchte seinen Schwerpunkt auf die «neuen Mythologien» legen und so einer These von Peter Sloterdijk folgen, derzufolge unsere Mythen nicht mehr von Literatur, Tanz oder Kunst transportiert werden, sondern vom Film und den neuen...

auf dvd: Caravaggio

Vor zwei Jahren stellte Mauro Bigonzetti in der Berliner Lindenoper seinen «Caravaggio» vor, ein Bilderballett, das den Meister des sogenannten Chiaroscuro aus dem Dunkel der Geschichte herausleuchten sollte: kein Meisterwerk, aber doch ein brauchbares Lebensbild, das jetzt auf DVD vorliegt. Von Andreas Morell aufgezeichnet, macht die Edition das zweiaktige Stück...

favoriten: Samir Akika

erhielt beim Festival «Favoriten» den neuen Jugendjury-Preis und den ebenso neuen Förderpreis des NRW Kultursekretariats für die Produktion «Welle: Asphaltkultur». Die Performance mit Masterclass-Studenten der HipHop Academy Hamburg, so die Jury, sei «eine klare, eine radikale Sicht nicht auf die Szene, sondern aus der Szene.» Den Mut, sich ihren Vätern zu stellen,...