Cottbus: Jo Fabian «Terra In Cognita»

Tanz - Logo

Nach einer Viertelstunde ist erst mal Schluss. Eine freundliche Stimme wünscht jenen Zuschauern, die jetzt gehen möchten, einen angenehmen Heimweg. All jene aber, «die den gesamten Abend gebucht haben», können im Saal einen «aktuellen Kommentar zur Lage der Nation» hören – gesprochen, geseufzt oder geflüstert von keinem Geringeren als Joseph Beuys. Dessen «Ja, ja, ja, nee, nee, nee» bohrt sich geradezu in die Ohren der Verbleibenden.

Kein Zweifel: eine Inszenierung von Jo Fabian.

Genauer gesagt: ein «choreografisches Figurentheater», in Cottbus unter dem Titel «Terra In Cognita» vom Schauspielensemble als Triptychon über das Leben in der Gemeinschaft vorgestellt. Es beginnt mit den Anfängen, in denen die «kollektive Fortbewegung» noch einer göttlichen Ordnung gehorcht. Die sieht allerdings wenig verheißungsvoll aus. Allein ein Trommler ist auf der rot ausgeschlagenen Bühne zu sehen, der so lange acht anonymen Ruderblättern den Takt vorgibt, bis aus der Tiefe der Galeere eine dunkle Menschenblase an die Oberfläche drängt.

Der zweite Teil wird zum zentralen Ereignis des gut zweistündigen Abends, eingeleitet durch eine bühnenfüllende Video-Animation, die wie auf einem Rollbild noch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Mai 2018
Rubrik: Kritik 5/18, Seite 40
von Hartmut Regitz

Weitere Beiträge
Screening 5/18

soul chain

Auch wenn die 17 Tänzer und Tänzerinnen die ganze Zeit wie auf Zehenspitzen agieren: Geräuschlos geht die «Soul Chain» von Sharon Eyal deswegen kaum vonstatten. Dafür sorgt schon der DJ und Komponist Ori Lichtik, der mit seinen heftigen Technobeats immer wieder den Tanz so aufpeitscht, als wolle er auf «Le Sacre du printemps» von Igor Strawinsky...

Stefan, der Börlindancer

Ein Freitagabend im Januar, kurz nach 22 Uhr in der Berliner U-Bahn, Linie 6: Ein athletischer, nicht mehr ganz junger Mann betritt die Bahn, stellt die Sporttasche neben sich auf den Boden und streift seine Lederjacke ab. Noch ist niemand auf ihn aufmerksam geworden. Erst als er eine kleine Musikbox hervorholt und Michael-Jackson-Beats erklingen, zieht der Typ mit...

Volksball à la française

Cancan, Baguette, Guinguette. Das Triptychon der Frankreich-Klischees enthält gleich zwei Tanztraditionen aus dem 19. Jahrhundert, und beide sind mit dem Ball liiert. Während der Cancan derzeit versucht, wieder ein authentisches statt rein touristisches Dasein zu finden, stehen die Guinguettes an den Flussufern vor den Toren von Paris schon längst wieder in voller...