Debussys Memorial
Das Beste zuerst. Halb nackt hebt Cynthia Loemij den Arm, kaum dass Taka Shamoto vorüberhuschend im Dunkel wieder verschwunden ist. Leer ist das Théâtre de la Monnaie. Keine Weintraube scheint zur Hand. Nicht ein einziger Ton erklingt. Und doch ist dieser «Nachmittag eines Fauns», der den «Abend eines Tages» präludiert, erfüllt von einer inneren Musik – und jede Geste, jede Pose des halb aufgestützten Oberkörpers von einer Intensität, die im weiteren Verlauf der Vorstellung schmerzlich vermisst.
Ein Augenblick der Vergangenheit. Ein Stück Tanz, akribisch rekonstruiert.
Ausgangsmaterial einer Choreografie, die nach einem Blackout mit Mark Lorimer einen gealterten Faun an die Stelle der emanzipierten Nymphe setzt. Zu Claude Debussys «Prélude à l'après-midi d'un faune» vergegenwärtigt Anne Teresa De Keersmaeker die Geschichte, indem sie sie auf ihre Weise verwandelt: herausgelöst aus der Geschichte, verortet auf einer Bühne, die nicht mehr die Flächigkeit des Originals besetzt, neu dimensioniert wie der Raum, zu dem sie die Zeit kunstvoll ausgeweitet hat. Dekonstruiert, verliert das Stück seine Sinnlichkeit, die es einst zum Skandalon machte. Von allem Begehren befreit, sinkt der Mann ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es ist ein gutes Zeichen und ein schlechtes. Der zeitgenössische Tanz entwickelt Geschichtsbewusstsein und bemüht sich nun ebenfalls, das eine oder andere Werk als «Klassiker» ins Repertoire zu vermitteln. Was dem Ballett recht ist, darf ihm billig sein. Doch Hinwendung zur Vergangenheit bedeutet auch ein wenig Zweifel an der Zukunft. Denn es geht nicht recht...
Stille. Zwölf Tänzer strömen ins Bild, verteilen sich in einem großflächigen, mit blauem Klebeband markierten Quadrat. Dann: Die Tonspur stürmt los, die Interpreten auch. Es beginnt ein endloses Bewegen, man eilt, dreht sich, immer verankert; gestreckte Arme sind Hebel, Körper sind Massen; mit einem Griff werden auf dem Bauch gestrandete Tänzer auf den Rücken...
Die Bemerkung stammt von Bertolt Brecht: dass die größte Wirksamkeit eines Künstlers kaum je mit der größten (öffentlichen) Anerkennung einhergehe. Will heißen: Wenn es Preise, Ehrungen und Auszeichnungen hagelt, hat sich der revolutionäre Elan des Anfangs längst verbraucht.
Das scharfsichtige Statement galt auch für den Erneuerer deutscher Dramatik selbst. Legte...
