gunst und kunst
Ende Dezember verlässt Sylvie Guillem die Bühne. Mit ihrem Abschiedsprogramm «Life in Progress» ist sie rund um den Globus getourt, für das Finale hat sie Japan auserkoren. Nicht umsonst. Dem Rest der Welt sagt Guillem im Rahmen des Farewell-Abends «Tschüss» mit Mats Eks Solo «Bye», für Nippon aber hat sie noch eine besondere Zugabe: Als Gaststar in Béjarts «Boléro» geht sie bis zum Jahresende mit dem Tokyo Ballet auf Reisen. «Boléro», Béjart und Guillem das ist für Japaner das Non plus ultra.
Was nicht daran liegt, dass Béjarts Choreografie die Solistin auf dem bekannten runden, roten Tisch platziert und sie damit national betrachtet in die japanische Landesflagge einschreibt. Vielmehr ist der «Boléro» ganz einfach: der Klassiker schlechthin. Wie Guillem die Ballerina schlechthin ist.
Es ist eine merkwürdige Umkehrung: Europa liebt Butoh, den Japanern ist er ziemlich egal, sie gieren stattdessen nach dem europäischen Ballett, das auch in seiner Heimat zu einem nicht unwesentlichen Teil von Asiaten getanzt und goutiert wird. Nirgendwo praktiziert, nirgendwo erfährt das Ballett einen solchen Starkult wie im Land der aufgehenden Sonne. Nach einer Vorstellung harren die Verehrer ...
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Tanz November 2015
Rubrik: report, Seite 62
von Thomas Hahn
Wie wir eine Performance erleben, hängt auch vom äußeren Kontext ab. So kann ein und dieselbe Vorstellung ganz anders wahrgenommen werden je nachdem, ob wir zuvor unter Kristalllüstern über einen roten Plüschteppich zu unseren gepolsterten Sitzen gewandelt sind oder das Bühnengeschehen in der kargen Ästhetik einer stillgelegten Fabrikhalle von einer harten Bank aus...
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