Alain Platel

Er war Heilpädagoge, er gründete die weltberühmten Les Ballets C. de la B. in Gent. Immer wieder fragte man ihn, ob Tanz etwas mit Heilen zu tun habe. Platel hat das stets verneint. Bis er jetzt im Gespräch mit der Filmemacherin Sophie Fiennes erstmals einräumt: Tanz und Krankheit besitzen eine gemeinsame Souveränität, die die Gesellschaft verstört.

Tanz - Logo

Alain Platel war in seinem Leben immer einen Kopf größer als andere. Was ihn kaum zu einem überragenden Menschen macht. Aber Größe besitzt Wirkung, wenn der belgische Choreograf aufrecht, fast unbewegt am Tisch sein Gegenüber genau betrachtet.

Dort, in der Berliner Akademie der Künste, der Platel seit 2006 angehört, befragt ihn Sophie Fiennes, die Filmemacherin, die seit Jahren mit der Kamera das Werk des Großmeisters im belgischen Choreografenkollektiv Les Ballets C. de la B. verfolgt.

Alain Platel schaut seiner Beobachterin auch dann noch aufmerksam zu, als sie bereits an ihrem zwölften Satz nuckelt, der irgendwann in eine Frage münden wird, gerichtet an den 53-Jährigen, der sie mit der Neugier eines Tauchers mitten in einem bunten Fischschwarm anschaut. Bis Sophie Fiennes endlich ihre entscheidende Frage bei den Hörnern packt: «Warum bist du so angstlos?»

Die Frage scheint ihn so wenig zu überraschen, dass er gar nicht erst versucht, Überraschendes zu antworten. «Früher», sagt er, «als ich noch Heilpädagoge war und behinderte Kinder betreute, da hat man mich das auch immer gefragt: Was ich an Behinderten so faszinierend finde? Die Frage kam wahrscheinlich deshalb, weil es sich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen
Weitere Beiträge
Der Song der Stille

«Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.» Das uralte Zitat von Karl Valentin liegt, in deutscher Sprache, auf dem Schreibtisch von Anne Teresa De Keersmaeker. «It’s a present from a friend», lächelt sie. Ganz offensichtlich von jemandem, der ihre Arbeit gut kennt. Denn nur auf wenige Künstler mag Valentins Bonmot so zutreffen wie auf die Gründerin der...

Asketische Ekstasen

Zählt man ihr erstes Solo «Asch» von 1980 dazu, durchmisst das choreografische Œuvre von Anne Teresa De Keersmaeker fast drei Jahrzehnte, in denen sie annähernd vierzig Werke von hervorragender Qualität schuf. Ihre ersten Stücke wie «Fase» (1982) oder «Rosas danst Rosas» (1983) sind noch immer im Repertoire ihrer Kompanie. In «Rosas danst Rosas», für das sie in New...

Die letzte Klassikerin

«Manchmal werde ich eingeladen, den Studenten zu erzählen, wie das damals war, in den 1980ern», sagt Alain Platel. 1984 gründete er in Gent das Choreografen-Kollektiv Les Ballets C. de la B.: «Seit man mich nur deshalb fragt, weiß ich, dass ich Geschichte bin.» (Seite 54). Seine kaum jüngere Kollegin Anne Teresa De Keersmaeker gründete 1983 die Kompanie Rosas und...