bergen: deufert&plischke: «Niemandszeit»
Was für ein Ensemble! Meg Stuart, Christina Ciupke, Wanda Golonka, Alain Franco, Madeline Ritter, dazu das Who’s who der Festivalmacher (Florian Malzacher), Theaterleiter (Ludger Schnieder), Edeldramaturgen (Bojana Cvejic) rockt die Bühne. Sie sind die Stars. Und machen sich kleiner, als sie sind. Auf Kommando krümmen sie sich auf dem Tanzboden in den Berliner Uferstudios. Über ihnen läuft ein großes, deutsches Präzisionsuhrwerk, das sekundengenau die Zeit anzeigt.
Jeder fand zuvor auf seinem Stuhl einen Briefumschlag mit fünf Ereigniskarten: «Minute 0:30:00: Geh langsam auf die Bühne, such dir einen Ort auf dem Tanzboden. Beuge die Knie, mach dich so klein wie möglich. Bleib in dieser Position, bis du still bis 100 gezählt hast».
Sie horchen und gehorchen dabei der Stimme von Kattrin Deufert, die kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes Simon den Kontext gebiert wie eine Priesterin. Sie liest von übellaunigen orthodoxen Juden in Jerusalem und dass in Dänemark die meisten Selbstmorde an Palmsonntag geschehen. Man ahnt es, hört es aber kaum vor lauter Selbstbeschäftigung. Es geht um Religion. «Minute 0:53:00: Schreib mit dem Stück Kreide auf den Tanzboden die Antwort auf die Frage: ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Oktober 2014
Rubrik: kalender und kritik, Seite 46
von Arnd Wesemann
newcomer_________
danya hammoud
Im Leben lacht sie, auf der Bühne nicht. In ihren Stücken geht es um Krieg oder die Stellung der Frau und andere Fragen, die mit Gewalt verbunden sind. Danya Hammoud stammt aus Beirut und hat vor, ihren Lebensschwerpunkt dort auch zu behalten: als Mitglied im Theaterkollektiv Zoukak, dessen Gründerin sie war. Zoukak besitzt, was für...
Es kommt nicht so oft vor, dass ein Ballett über alle Gräben von Generation und Gesinnung hinweg Begeisterung auslöst. Jean-Christophe Maillot ist das mit seiner Fassung von William Shakespeares «Der Widerspenstigen Zähmung» am Bolshoi gelungen. Die Premiere der exklusiven Produktion war – echte Rarität – ein voller Erfolg, wurde von Jung und Alt, Progressiven und...
Was John U. über seine Kindheit zu erzählen hat, ist extrem traurig. Ein Vater leistet ganze Arbeit: Er prügelt die schwangere Mutter, die dadurch ihr Kind verliert. Sperrt Johns Schwester wochenlang in ihr Zimmer ein, weil sie ihm zu füllig erscheint. Schlägt den Bruder mit dem Gürtel blutig. Erst nachdem er die Babysitterin vergewaltigt hat, landet er hinter...
