Kim Brandstrup: der Märchenerzähler von vorgestern
Armer Andersen. Lebendigen Leibes begraben zu werden, war seine große Furcht. Sein Leben lang lag ein Zettel neben dem Bett mit den Worten: «Ich bin nur scheinbar tot». Nun zappelt er im Londoner Linbury Studio Theatre unter dem Leichentuch wie sein Zeitgenosse Philipp am Tisch. Und immer wieder wird es ihm über den Kopf gezogen. Bis die neun Tänzer der Arc Dance Company den Märchenerzähler in Hans Christian Andersen – The Anatomy Of A Storyteller von Kim Brandstrup aufleben lassen, samt all seiner Probleme mit der sexuellen Identität.
War er schwul, war er’s nicht?
Armer Dichter. Seine Figuren verfolgen ihn, holen ihn zum Tanz ab und machen sich über ihn lustig. Schriftsteller, so könnte die Message von Kim Brandstrups Auseinandersetzung mit seinem Landsmann heißen, hört zu dichten auf! Eure Geschöpfe machen euch nur das Leben schwer. Es sind die Figuren aus «Die kleine Meerjungfrau», «Die Schneekönigin» und «Der Schatten»: die Nixe also, die sich ob ihrer Liebe zum Prinzen Füße geben lässt, die bei jedem Schritt höllisch schmerzen; der Junge Kay, der durch einen Splitter aus dem teuflischen Spiegel im Auge die Welt nur noch hässlich sieht; der Dichter, der seinen Schatten zur ...
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... und andernorts. Je mehr man sich in die Märchenwelt seiner Kindheit vertieft, desto weniger vertraut erscheint sie. Die Erinnerung trügt, und nicht eine einzige Figur verhält sich so, wie wir’s aus Grimms Geschichten kennen. Selbst das Böse, von Masa Kolar kraftvoll verkörpert, ist nicht mehr das, was es war, und verkehrt sich zeitweilig ins Gegenteil....
