lo real / le réel / the real
Schon während der Premiere erhob sich ein Tross empörter Abonnenten aus den Reihen des königlichen Theaters in Madrid. Man protestierte lautstark und verlangte den Rücktritt des Hausherrn Gerard Mortier. Der aus Belgien stammende Intendant habe mal wieder falsche Erwartungen geweckt: Wo eingefleischte Flamenco-Versteher wallende Rüschenkleider und stampfende Damenschuhe erwarten, geht es dem Choreografen des Abends, Israel Galván, um die Deportation der Roma und Sinti in deutsche Konzentra-tionslager.
Mortier, der große Opernerneuerer, in Brüssel einst der Förderer von Anne Teresa De Keersmaeker, in Salzburg ein Revolutionär des bürgerlichen Musiktheaters, in Bayreuth dank grandioser Veränderungsfantasien schon an der Bewerbungsklippe gescheitert, dafür aber der Gründer der nicht eben erfolglosen «Ruhrtriennale» – dieser Mortier ist heute ein Meister der Irritation spanischer Selbstherrlichkeit, und das mitten in der schärfsten Wirtschaftskrise des Landes. Nur wenige Vorstellungen später jedoch ist sein Publikum ein ganz anderes, bereit zur stehenden Ovation.
Eigentlich schade. Die Unverbesserlichen machen nämlich mehr Wirbel als die Jüngeren, die ihr reales Theater für sich ...
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Tanz Februar 2013
Rubrik: produktionen, Seite 12
von Arnd Wesemann
Louise Lecavalier,
Sie haben Ihr neues Werk «So Blue» genannt – sind Sie bekennende Melancholikerin? Ich fühle mich weiß, schwarz, gelb, rot, aber… eigentlich – I feel so blue! Für mich ist die Seele blau, ihre Helligkeit und Tiefe. Sie verwandelt sich kontinuierlich, durchlebt Stadien zwischen Leben und Tod. Ich bin leicht und glücklich, dunkel und ängstlich,...
Vom Schauspiel verlangt das Publikum, dass es Stellung bezieht, Partei ergreift und eine Meinung vertritt. Vom Tanz hat man derlei kaum je erwartet. Darum war er so selten politisch verdächtig – ausgenommen, die Künstler ließen sich von Diktatoren verheizen. Der Tanz fällt gern in die Kategorie des Amüsements und scheint dem Zirkus verwandter zu sein als der...
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