castelluccis zärtlichkeit
Gott sieht alles. Jesus blickt dich an. Nur du, wohin schaust du selbst? Wie fühlst du dich im Anblick von Alter, Schwäche und der Abhängigkeit von Fürsorge? Romeo Castelluccis «Sul concetto di volto nel figlio di Dio», zu Deutsch etwa: «Über das Konzept des Gesichts den Sohn Gottes betrachtend», stellt dem Zuschauer eindringlichere und unbequemere Fragen als weithin sonst üblich. Erst recht im Theater. Wie bequem auch immer der Zuschauer sich in seinem Stuhl einrichten mag, ihm wird schnell unwohl.
An der Bühnenrückwand hängt, mehrere Meter hoch, eine Reproduktion des Jesus-Porträts von Antonello da Messina aus dem 15. Jahrhundert aus der Londoner National Gallery. «Salvator Mundi» lautet der Titel. Der «Erlöser» hängt hier nicht am Kreuz, sondern ist im Vollbesitz seiner Kräfte. Sein eindringlicher, gütiger, auch beharrlicher Blick überwältigt. Doch Castelluccis Werk hat weder mit Kunstgeschichte noch Religion zu tun. Stattdessen eilt dem Abend, der in Avignon Premiere hatte, das Gerücht voraus, das von schwer zu ertragenden Prüfungen für das Publikum sprach. Es ginge um Fäkalien, deren Gerüche sogleich durch die Gerüchteküche dampften.
Castellucci redet natürlich lieber um den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Oktober 2011
Rubrik: produktionen, Seite 14
von Thomas Hahn
tv: alles was zählt
Seit September läuft eine neue Daily Soap bei RTL, die zeigt, wie sich der Sender eine Tanzschule vorstellt: als «Tanzfabrik». Ökonomische Vermittlung von Wettkampftänzen. In einer alten Lagerhalle findet die Fortsetzung von «Let’s Dance» statt, ohne Jury, dafür voller Intrigen und hölzener Dialoge samt einer echten «Let’s-Dance»-Tanzlehrerin,...
Weiße Kleinbusse brachten sie an den Rand dieser Wiese nahe der Lagune in der San Francisco Bay Area. Langsam bewegen sich Damen und Herren zwischen 65 und 100 Jahren auf die in Reihen stehenden Schaukelstühle zu. Sie nehmen Platz und der Tanz beginnt. Sie öffnen Arme und Brust, beugen sich nach vorn, klatschen, flattern mit den Händen. Synchron, zum Beat der...
bochum: william forsythe
Vielleicht dieses oder doch etwas anderes – wer die Wahl hat, hat nicht die Qual, sondern die Lust, Kompetenzen zu erwerben, um sich als Tänzer zu entscheiden. Für diese Bewegung oder jene. Die unstillbare Lust, mit der William Forsythe an der Erweiterung der Potenziale des Tanzes arbeitet, eröffnet seinen Tänzern ungewohnte Freiheiten. Auch...
