Crystal Pite (4/18)
Von hinten sind nur zwei blonde Haarschöpfe zu sehen. Der größere gehört der Mutter, der kleinere dem Kind. Es hat eine Weile gedauert, bevor sich die Familie auf eine Sitzordnung verständigt hat. Jetzt haben alle drei ihren Platz gefunden im Parkett des Zürcher Opernhauses: Crystal Pite hat ihren siebenjährigen Sohn auf den Schoß genommen, sein Vater, der Bühnenbildner Jay Gower Taylor, sitzt vor dem Regiepult, wo er mit Argusaugen das Feintuning der Lichteinstellungen überwacht.
Gleich beginnt die Generalprobe von «Emergence», Teil eines Doppelabends, den Christian Spucks Ballett Zürich bei der Premiere am nächsten Tag mit geradezu umwerfender Kunstfertigkeit tanzen wird. Schon die Generalprobe läuft perfekt – fast jedenfalls, wenn es nach der Choreografin geht.
Kommunikationsgenie
Kaum haben sich Owen Beltons Klangwolken verzogen, deren hybrides Bienenstaat- und-Menschenmarsch-Rauschen das Kollektivexperiment von «Emergence» begleitet, schwirrt Crystal Pite auf die Bühne. «You are beautiful, so beautiful», ruft sie den drei Dutzend Tänzern zu. Erst das Kompliment, dann die Kritik. Eine gute Stunde lang feilt sie an jedem, wirklich jedem Detail. Der Assistent liefert die ...
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Tanz April 2018
Rubrik: Menschen, Seite 26
von Dorion Weickmann
Annie Suquet beleuchtet Tanz im Spannungsfeld politischer und gesellschaftlicher Strömungen. Die Forscherin arbeitet zurzeit an einem Buch über den Einfluss des Kalten Krieges auf die Entwicklung der Tanzszenen in Ost und West. Es schließt direkt an ihre Studie zur Geburt der Tanzmoderne vor 1945 an, soll die Zeitspanne bis in die 1960er-Jahre abdecken und Makro-...
Wer von der großen Liebe erzählen will, erzählt auch vom Hass. Wer die Familien Montague und Capulet aufeinandertreffen lässt, gerät auch in einen Sog von Gewalt und Mord. Das macht Bridget Breiner in ihrer atemlos auf das entsetzliche Ende zusteuernden Choreografie schon in den ersten Minuten klar. Eine mysteriöse Spukgestalt eröffnet den Abend und lüftet den...
Der britische Meister des indischen Kathak schießt wie ein Torpedo hinein in den getrommelten Frieden, kommandiert von rhythmusgebenden Bols und dem Gesang von Aditya Prakash, der seine Stimme schenkelklopfend und mit herrlichen Armschwüngen stützt. Das ist Kathak, das ist Indien, so weit entfernt wie der Krieg. Akram Khan fegt über die Bühne mit gespreizten...
