Fliehkräfte
Das lange Sterben Violettas beginnt bereits bei geschlossenem Vorhang, mit den ersten Tönen des Preludio, Vorecho jenes zerbrechlichen Klanggespinstes in den hohen Violinen, das auch den letzten Akt von «La traviata» eröffnet und prägt. Es liegt nahe, Verdis Vorgriff auf das Ende der Oper auch szenisch zu realisieren. Genau das macht Rolando Villazón in seiner Inszenierung für das Baden-Badener Festspielhaus. Die Aufführung beginnt in vollkommener Finsternis. Ein Lichtstrahl lenkt den Blick auf die am Boden liegende Violetta.
Sie bringt eine Spieluhr zum Klingen, die Erinnerungen wachruft. Erst dann setzt Verdis Musik ein. Die Geschichte von Violettas Lieben, Leiden und Sterben wird als eine Art Delirium erzählt, in dem Realität und Fantasie im Sinne einer Traumlogik verfließen.
In den Massenszenen des ersten und dritten Bildes bevölkert eine grotesk kostümierte, womöglich einem Fellini-Film entsprungene Gesellschaft die von Johannes Leiacker als Mischung aus Zirkus, Varieté und übergroßer Spieluhr gestaltete Bühne. Das bis in die kleinste Rolle exzellent besetzte Ensemble der Nebenfiguren und der exzeptionell singende wie agierende Balthasar-Neumann-Chor schaffen eine geradezu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 32
von Thomas Seedorf
Lior Navok assoziiert mit «Fluss» nicht Lethe, sondern Ähnliches wie Henze in «Wir erreichen den Fluss» (1975) – eine symbolhafte Grenze von Lebenssphären. Sehr viel konkreter bezeichnet der israelische Komponist (Jahrgang 1971) den Fluss überdies als das trennende und verbindende Element zweier verfeindeter Völker (mit dem von beiden Seiten begehrten Wasser), und...
Er war stets genau so alt wie sein Jahrhundert. Man konnte das symbolisch sehen: Ernst Krenek (1900-1991) gehörte zu den zeitbewusstesten Musikern und Intellektuellen, zugleich zu den vielseitigsten Künstlern seiner Epoche. Mit dem spröde-erratischen Musikdrama «Karl V.» suchte er, in expressiv aufgeladener Quasi-Zwölftontechnik, aus konservativ-idealkatholischer...
Wie der schlierige Bart eines Riesen streichen die Wolken über den eiszeitlich rundgeschliffenen Fels. 200 Regentage im Jahr zählt die Statistik für Bergen – heute ist einer davon. Das Wasser tropft nicht, es klatscht. Umso geisterhafter die Blüten der Apfelbäume, der Tulpen. Pralles Rot, ein Ausrufezeichen im feuchten Einheitsgrau. Pocht die Sonne tagsüber doch...
