Im Geiste Puccinis
Daniel Catáns neue Oper «Il postino» («Der Postbote») ist clever gebaut und klingt wohltemperiert. Sie reiht sich in die kurze Liste jener Werke ein, deren titelgebende Figur nicht unbedingt die wichtigste oder interessanteste ist. Die Vorlage lieferte der gleichnamige italienische Film aus dem Jahr 1994.
Es geht um einen Briefträger, der auf einer kleinen, verarmten Insel unweit von Sizilien nur einen einzigen Empfänger beliefert: den chilenischen Dichter und linken Politiker Pablo Neruda, den es wegen seiner Sympathien für den Kommunismus in Chile ins Exil verschlagen hat – auf eben jene Insel mitten im Tyrrhenischen Meer. Der zunächst schüchterne und wortkarge Postbote findet durch die Begegnung mit Neruda nach und nach einen Zugang zum Reich der Poesie, zur Welt der Politik und schließlich in eine glückliche Ehe.
Unter anderen Umständen würde sich der Zuhörer vielleicht vor allem für die innere Wandlung des Postboten interessieren. Doch «Il postino» handelt in erster Linie von Neruda. Nicht nur, weil Catán für den Politikerpoeten drängende, expressive Klänge gefunden hat, sondern auch dank Plácido Domingos superber Charakterisierungskunst, welche die Figur eindrücklich zum Leben ...
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