Rossini: Il viaggio a Reims
Wo die Handlung zum Gerüst schrumpft, hat die Regie freie Hand, eigene Geschichten zu erfinden. Und genau dies tut die junge französische Regisseurin Mariame Clément in der Berner Inszenierung von Rossinis «Viaggio a Reims» mit großer Fantasie. Vor allem ist jede Geste, jede der ständig wechselnden Personenkonstellationen bis in die Details virtuos gearbeitet, ohne sich in Wiederholungen zu verlieren.
Die Spiellust, mit der nicht allein die Protagonisten sondern auch die sorgsam ins Räderwerk eingefügten kleinen Partien, die Statisten sowie der Chor agieren, hinterlässt beim sichtlich amüsiert mitgehenden Publikum Spuren. Dabei gelingt es Clément und der Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Hansen, ohne gewaltsame Aktualisierung das Geschehen ins Heute zu transferieren. Das Badehotel «Il Ciglio d’Oro», in dem eine international zusammengesetzte Reisegruppe vergeblich auf die Kutsche wartet, die sie zur Königskrönung nach Reims bringen soll, ist zum Großraumflugzeug einer Gesellschaft gleichen Namens mutiert. In diesem werden nicht nur die unterschiedlichen Klassen als solche behandelt, sondern sind auch sämtliche noch so überdreht wirkenden Launen und Schrullen sehr real und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Leicht will ich’s machen dir und mir», singt die Marschallin im «Rosenkavalier». An Opernaufführungen im Festsaal von Schloss Esterházy hat sie dabei freilich nicht gedacht. Denn den in sich geschlossenen barocken Raum für Bühnenaufführungen zu nutzen, den wunderbaren Fresken und Deckengemälden Carpoforo Tencallas theatralische Bilder entgegenzusetzen, ist eine...
«Das Schicksal hier in Bonn», schrieb Beethoven 1787, «ist mir nicht günstig» und verließ die Rheinstadt in Richtung Wien. Doch seit den Plänen für ein Beethoven-Denkmal im Todesjahr des Komponisten versucht man dort, die Dinge zu verbessern. So im Ringen um Beethovens Schmerzenskind «Fidelio», für den etwa Nikolaus Lehnhoff 1983 anstelle der Dialogtexte auf die...
Onegin trägt seine Sinnsuche in den Zuschauerraum, auf einen um den Orchestergraben gelegten Laufsteg. Sechsundzwanzig sei er, singt er gegen die Säule einer Parterreloge gelehnt, und das Nichtstun kotze ihn an. Ein Besucher in jener Loge fühlt sich angesprochen und zieht sich zurück ins Dunkel. Unangenehm betroffen. Nicht Onegins Schicksals wegen, sondern weil er...
