Magisch gegenwärtig
Anno 1899 stand Jules Massenet im Zenit seines Ruhms – und seiner handwerklichen Meisterschaft. Er hatte «Werther» in Wien herausgebracht und war mit «La Navarraise», einem Auftragswerk für London, auf der Verismus-Welle mitgeschwommen. Mit der Vertonung von Alphonse Daudets Roman über die Pariser Edelkurtisane «Sapho» wagte er sich an ein bewusst zeitgenössisches Sujet, um anschließend mit dem Aschenputtel-Märchen einen Kennt-Jeder-Stoff anzugehen.
Massenets Manie, nach jedem Erfolg ein möglichst kontrastierendes Thema zu wählen, wirkt dabei fast wie eine Strategie, sich selbst nicht zu langweilen.
Die Entscheidung, den prince charmant in der «Cendrillon» mit einer Mezzosopranistin zu besetzen, war nicht nur eine Reverenz an die Hosenrollen des Rokoko, sondern wohl auch von dem Bedürfnis beflügelt, jene Sphären erotischer Ekstase zu meiden, für die er verehrt wurde, vornehmlich von in Korsetts eingeschnürten Bürgersgattinnen samt ihren Zimmermädchen. Stattdessen setzte der Komponist auf raffiniert-augenzwinkernde Parodien «alter» Musik von Rameau bis Mozart für die Sphäre des Hofes wie des häuslichen Umfelds Aschenputtels, während er es in den Feen-Szenen darauf anlegte, Gounods ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Frederik Hanssen
ML = Musikalische Leitung
I = Inszenierung
B = Bühnenbild
K = Kostüme
C = Chor
S = Solisten
P = Premiere
AP = A-Premiere
BP = B-Premiere
UA = Uraufführung
WA = Wiederaufnahme
Deutschland
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Hartmut Haenchens zweibändige Textsammlung war schon bei ihrem Erscheinen ein Kompendium besonderer Art. Hier spricht ein Dirigent, der zugleich Musikforscher ist in dem Sinn, dass er alles, was er tut, nicht nur werkinhärent am Notentext hinterfragt, sondern sich auch intensiv mit Quellen auseinandersetzt, mit Fassungsfragen zum Beispiel, mit historischen...
Elisabeth Stöppler hat «Dialogues des Carmélites», eine der beklemmendsten Opern der klassischen Moderne, nicht auf den Kopf gestellt wie Dmitri Tcherniakov in seiner umstrittenen, von den Poulenc-Erben inkriminierten Münchner Inszenierung. Aber auch sie rückt das Stück um das historisch verbürgte Martyrium der 16 Karmelitinnen von Compiègne während der...
