Zu viel des Guten
Als der Jazzpianist Keith Jarrett Ende der 1980er-Jahre Bach aufzunehmen begann, zeugte sein Spiel von einer Haltung unbedingter Reverenz. Wie einem heiligen Monument schien er sich dem «Wohltemperierten Klavier» oder den «Goldberg-Variationen» zu nähern. Mit der dem Augenblick abgerungenen Freiheit, die Jarrett in seinen Soloimprovisationen zelebrierte, hatte das so wenig zu tun wie mit den egozentrischen Manierismen eines Glenn Gould.
Verhalten, exakt durchbuchstabiert, geradezu konservatorisch wirkte sein Bach-Klang, als verneige sich da jemand mit jedem ehrfürchtig angeschlagenen Ton vor einem Großmeister aus dem alten Europa.
Die Meister des alten Europa – sie schwebten schon dem Ragtime-Pianisten Scott Joplin («The Entertainer», «Maple Leaf Rag») als Referenz vor, als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwei Stücke für die Bühne schrieb. Jedenfalls glaubte das der Komponist Gunther Schuller, der den sogenannten «Third Stream» zwischen Jazz und Klassik zu bewässern suchte und Joplin zu späten Opernehren verhalf. Die Noten von dessen erster Oper – «A Guest of Honor» (1903) – sind verloren; «Treemonisha» (1911) ist zumindest in einem handschriftlich annotierten Klavierauszug ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 33
von Albrecht Thiemann
Lyon, 22. März 2016: Vor der Vorstellung von «Benjamin, dernière nuit» tritt jemand vor den Vorhang und bittet um mitfühlendes Schweigen für die Opfer der Brüsseler Anschläge am Morgen des gleichen Tages. In der Stille denken wir daran, wie sehr diese Karwoche Leid und Tod ohnehin in den Mittelpunkt rückt. Und dass Gottes Name schon immer zur Rechtfertigung von...
Hack- oder Filetsteak, das ist hier die Frage. Der «Vampyr» in der 90-minütigen Fassung des gefeierten Schauspielregisseurs Antú Romero Nunes (dem an der Bayerischen Staatsoper bereits «Guillaume Tell» anvertraut war, siehe OW 8/2014) bietet vor allem Blutsauger-Geschnetzeltes von dem sonst zwei Stunden dauernden Werk. Freilich ist dies genau das, was Nunes am...
Es war ein Kuriosum der Operngeschichte, eine Art Doppel-Uraufführung in einem Zeitraum von vier Monaten: Im Dezember 1925 kam an der Berliner Staatsoper Alban Bergs «Wozzeck» heraus, die grandiose Vertonung des grandiosen Büchner-Dramas; im April 1926 brachte das Stadttheater Bremen eine Opernfassung desselben Stoffes von seinem damaligen Generalmusikdirektor...
