Glanz und Verkommenheit
Als klassischer Dreispartenbetrieb in einer Stadt von knapp 75 000 Einwohnern zählt das Theater St. Gallen zu den kleineren Einrichtungen auf dem großen Marktplatz der Oper. Immer wieder schwingt sich das Haus jedoch zu Leistungen auf, die überraschen, ja staunen lassen. So jetzt mit «Eugen Onegin» von Peter Tschaikowsky. Gewiss, unter der wenig inspirierten Leitung des Ersten Kapellmeisters Attilio Tomasello kam das Sinfonieorchester St.
Gallen in der besuchten Vorstellung nicht auf das Niveau, das es mit seinem Chefdirigenten Otto Tausk erreicht; verwackelte Einsätze, Mängel in der Intonation und der strohige Klang der hohen Streicher zeugten davon. Aber das junge Ensemble war in seiner Weise erstklassig besetzt – und ging förmlich auf in der ausgezeichnet durchdachten, wirksam ausgeführten Inszenierung von Lydia Steier.
Die ebenfalls noch junge Amerikanerin entwickelt ihre Arbeit aus dem brüsken Wechsel des Schauplatzes, mit dem «Eugen Onegin» zwischen dem zweiten und dem dritten Akt aufwartet. Von der Abgeschiedenheit der Provinz geht es in einen pompösen Adelspalast nach Sankt Petersburg – von einem herausgeputzten Häuschen, das aber nach der Art des Potemkinschen Dorfes nur ...
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Opernwelt November 2015
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Peter Hagmann
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«Dürfen wir mal schnuppern?» Gerade hat Dulcamara dem herzschmerzgeplagten Nemorino in der Check-in-Halle das Heilfläschchen aus seinem Überseekoffer angedreht. «Riecht nach Bordeaux», meint Neri Marcorè. Schon wieder hat sich der RAI-Moderator mit seiner Arte-Kollegin Annette Gerlach unter die Sänger gemischt, die am Mailänder Flughafen Malpensa Donizettis...
Was heißt musikalische Moderne? Ich will dieser Frage, angeregt durch das aktuelle Programm des Musikfestes und besonders durch den Schwerpunkt Arnold Schönberg, ein paar aphoristische Gedanken widmen. Eine kleine Etüde gewissermaßen, die den Begriff umspielt. Wie fast jede Etüde beginnt sie in einer festen Tonart, um sich dann für heilsame Verwirrung zu öffnen.
Eig...
