Puccinis Prekariat

«La Bohème» in Sichtweite von Hartz IV – eine Herbstreise nach Ulm, Kiel, Erfurt, Düsseldorf und Wuppertal

Opernwelt - Logo

 

Den Künstlern des beginnenden 21. Jahrhunderts dürften die Sorgen von Puccinis Bohemiens nur allzu bekannt vorkommen. Mit einem Durchschnittseinkommen unter
15 000 Euro jährlich arbeiten die allermeisten der etwa 300 000 Kunstschaffenden in Deutschland in Sichtweite von Hartz IV. Auch wenn sie mittlerweile immerhin krankenversichert sind, kämen die meisten Rodolfos und Marcellos noch immer in Zahlungsschwierigkeiten bei der Zeche im Café Momus.



Man braucht sich also gar nicht groß zu verrenken, wenn man die «Bohème» aus dem Paris der Belle Epoque ins Deutschland des Jahres 2010 hinüberziehen will. Angesichts der flächendeckenden kommunalen Finanzmisere, deren Folgen auch die Kunst zu spüren bekommt, liegt die Versuchung nahe, dem Publikum anhand von Puccinis Hungerkünstlern den Zustand eines kaputtgesparten Theaters vorzuführen.

Es geht ums Überleben

In Ulm, wo der Magistrat gerade noch einmal die Sparschraube kräftig anzog, hat das Theater die ganze Saison der Thematisierung des eigenen Überlebenskampfes gewidmet: Das Generalmotto «Mehrwert», das bei allen Produktionen über dem Bühnenportal prangt, liest sich als verzweifelter Appell, Kunst nicht gegen Geld aufzuwiegen. Kein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bei Ankauf Mord

Max Schreck hieß sinnigerweise der Schauspieler, der in Murnaus «Nosferatu» von 1922 die nämliche Schauergestalt spielte. 88 Jahre später begegnen wir seinem Klon auf der Bühne der Wiener Staatsoper – in Sven-Eric Bechtolfs Neuinszenierung von Paul Hindemiths Art-and-Crime-Oper «Cardillac», der ersten Premiere unter Direktor Dominique Meyer. Die Nosferatu-Gestalt...

Aus dem Pappkarton

Was tut ein Opernregisseur, wenn er Richard Wagners «Götterdämmerung» einem Theater als Einzelstück versprochen hat und danach unerwartet den gesamten «Ring des Nibelungen» angeboten bekommt? Auf das Einzelstück verzichten, auf den Zyklus verzichten oder gleich alles liefern? Der Australier Barrie Kosky, dem das Neinsagen offenbar schwer fällt, hat sich für die...

Realgeschichte und Romantik

Ort und Zeit: Böhmen, kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges. So steht es jedenfalls in Friedrich Kinds Libretto. Anders auf der Leinwand, da heißt es: Dresden, 1813. Überhaupt ist einiges anders in der Filmoper von Jens Neubert, die sich aus guten Gründen nicht einfach «Freischütz» nennt, sondern marktgerecht «Hunter’s Bride». Das einstige Kreuzchor-Mitglied...