Frostig
Puccinis Verleger Giulio Ricordi bezeichnete Pinkerton als «un mezzo lavativo americano»: ein Brechmittel. Dieses Charakterbild mag dazu beigetragen haben, dass Puccini nach der Mailänder Uraufführung «eine hasstrunkene Orgie des Wahnsinns» erlebte. Für die zweite Fassung der Oper tilgte er die verletzenden Bemerkungen Pinkertons über Japan und verwandelte ihn in einen reumütigen Sünder, der im Finale tränenreich Abschied nimmt von seinem «fiorito asil».
Vincent Boussard (Regie) und Vincent Lemaire (Bühne) sehen den ruchlosen Leichtfuß in ihrer Hamburger Inszenierung von diesem trügerischen, weil unglaubwürdigen Ende her. Sehe man genau hin, so der Regisseur, erkenne man «die Ehrlichkeit, mit der er lebt, beispielsweise im Duett. ... Er erliegt, genau wie Butterfly, dem Zauber dieser Liebesbegegnung.» Mit «Addio, fiorito asil» habe Puccini ihm die Möglichkeit gegeben, seine «tiefe Wunde auszudrücken». Eine kecke, geradezu zynische Umdeutung: Wenn den latent Pädophilen etwas in der Gewalt hat, dann seine «fun morality». Das Erste, wonach Pinkerton fragt, als er sein Haus betritt, ist das «nido nuzial’» – das Liebesnest. Dem Konsul gegenüber erklärt er, er wolle sich einen ...
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Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Jürgen Kesting
Prima la musica, poi le parole? Das Verhältnis von Musik und Sprache hat schon Antonio Salieri auf der Bühne behandelt – in seinem gleichnamigen Divertimento, das 1786, gleichsam als dramaturgisches Statement zur damals virulenten Singspiel-Debatte, mit Mozarts Schauspieldirektor in der Orangerie von Schloss Schönbrunn uraufgeführt wurde. Richard Strauss gönnte...
Weicher Streicherklang, ein Harfenarpeggio, dann hebt er zu singen an, der geistvolle Barde: «Blick’ ich umher in diesem edlen Kreise...» Dass Christian Gerhahers erste CD mit Opernarien ausgerechnet mit Wolframs Ansprache aus Wagners Tannhäuser beginnt, ist paradigmatisch. Liedhaft, über weite Strecken unbegleitet – was könnte die Qualitäten des Baritons besser...
Befreit. Gundula Janowitz sitzt in einem Stuttgarter Hotel, lächelt, kraus ist das kurze, weiße Haar, das einst, in den Sechzigern, für Promofotos hochtoupiert war. «Befreit», das Strauss-Lied hat sie oft gesungen bei ihren Liederabenden. Nun ist das Vergangenheit: 1990 hat sie ihre Opernkarriere beendet, 15 Jahre noch Liederabende gegeben. Heute sind Jurys Gundula...
