Die Welt als Prosa und Bleiwüste

Opernwelt - Logo

Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum: Ich träumt’ in seinem Schatten so manchen süßen Traum. Bei Prosa spielt der Zeilenumbruch keine Rolle, bei poetisch gestalteter Sprache ist er entscheidend. Haben Sie die vier Verse mit dem Reim erkannt? Ja sicher, aber Sie kannten Wilhelm Müllers Dichtung, nicht wahr?

In CD-Booklets und Programmheften werden Libretti fast nie so ­abgedruckt, dass ihre Vers-Struktur erkennbar würde. Dabei geht es ­beileibe nicht nur um den Zeilenumbruch.

In der Geschichte der Oper hatte sich ein hoch differenziertes Layout ausgebildet, das es ermöglichte, mit einem Blick zu erfassen, wann auf ein Rezitativ eine Arie folgt, und wie deren Strophenstruktur beschaffen ist.

Seit es Tonaufnahmen gibt, ist solche Vielfalt in aller Regel einer Wüste aus Blei gewichen – ob großes LP- oder kleines CD-Format, spielt dabei keine Rolle (siehe auch Seite 25), eine Textbreite von 60 Millimetern ist das Maß aller Dinge. Bisweilen liest man sogar – in missverstandener «Treue» zu Wortwiederholungen im Notentext – Hanebüchenes wie «Schöner grüner, schöner grüner Jungfernkranz!».

Gewiss: Wir leben in einem prosaischen Zeitalter. Zwar sollte Adorno sein Diktum von 1949, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2016
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Anselm Gerhard

Weitere Beiträge
Modernes Martyrium

Elisabeth Stöppler hat «Dialogues des Carmélites», eine der beklemmendsten Opern der klassischen Moderne, nicht auf den Kopf gestellt wie Dmitri Tcherniakov in seiner umstrittenen, von den Poulenc-Erben inkriminierten Münchner Inszenierung. Aber auch sie rückt das Stück um das historisch verbürgte Martyrium der 16 Karmelitinnen von Compiègne während der...

Unausstehlich

Felix Mottl und Gräfin Thun-Salm lernten sich 1901 in Bayreuth kennen. Er war damals ein viel beschäftigter Dirigent der Festspiele und enger Mitarbeiter von Cosima Wagner. Sie stammte aus Böhmen und lebte abwechselnd auf ihren dortigen Besitztümern und in Wien. Es war keine erotische Beziehung, vielmehr eine Art inhaltlich offener Freundschaft, die jedem von...

Werkstatt und Werk

Hartmut Haenchens zweibändige Textsammlung war schon bei ihrem Erscheinen ein Kompendium besonderer Art. Hier spricht ein Dirigent, der zugleich Musikforscher ist in dem Sinn, dass er alles, was er tut, nicht nur werkinhärent am Notentext hinterfragt, sondern sich auch intensiv mit Quellen aus­einandersetzt, mit Fassungsfragen zum Beispiel, mit historischen...