Laboratorium im Regenwald
Zwei Uhr früh. Der Himmel über Manaus ist schwarz. So schwarz wie das Wasser des Rio Negro, der sich an dem 1,5-Millionen-Nest mitten im Amazonasdschungel vorbeiwälzt. Fünfunddreißig Grad. Gefühlte Temperatur: fünfundvierzig Grad. Die Luft steht. Ein klebriges Gemisch, das so viel Feuchtigkeit mit sich zu führen scheint wie der mächtige Fluss, der an den Rümpfen der dreistöckigen Dampfer und an den schlierigen Mauern des Hafens schmatzt. Manchmal fallen Wassertropfen aus diesem Gemisch, obwohl keine Wolke zu sehen ist. Die Luft schwitzt.
Sie schwitzt wie die kunterbunte, feucht-fröhliche Gesellschaft, die nach stundenlangem Wagner-Dienst in einer schlichten Open-Air-Kneipe an der Avenida Getúlio Vargas feiert, nicht weit vom Teatro Amazonas. Plötzlich setzen vier Hornist(inn)en – gerade noch haben sie hinter der Bühne und im Graben Hagens Meuchelmord und den Untergang Walhalls mit düsteren Akkorden kommentiert — die Instrumente an den Mund und spielen schunkeliges deutsches Volksliedgut. Teutonischer Frohsinn im brasilianischen Regenwald. Paradoxer Ausklang eines paradoxen Unternehmens.
Schon die Idee, ausgerechnet im schimmeltreibenden Waschküchenklima von Manaus zwei komplette ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Paolo Carignani dirigiert in Frankfurt die für Paris 1865 erweiterte Fassung von Verdis «Macbeth». Dabei reibt sich die melodische Suggestion, auf die er setzt, mitunter an einer szenischen Interpretation, für die die schroffere Urfassung angemessener wäre. Aus der so entstehenden gelegentlichen Diskrepanz zwischen Graben und der drastisch aufgerauten Optik auf der...
Mit der dritten Lieferung ist Kopenhagens «Ring»-Zyklus endlich im neuen Opernhaus angekommen – und dieser Szenenwechsel hat Regisseur Kasper Bech Holten und seinem Team neue Möglichkeiten eröffnet.
Nach einem «Rheingold», das in den zukunftsseligen, ausschweifenden Zwanzigern, und einer «Walküre», die in den Fünfzigern angesiedelt ist, hat man sich mit «Siegfried»...
Für Volker Klotz ist «Der Zigeunerbaron» der Modellfall einer Operette auf Abwegen, gezeichnet vom «überanstrengten Pathos und Sentiment», ein anachronistisches Werk, das weit hinter Offenbach zurückfällt, im Grunde also eine missglückte Große Oper. Dass sie musikalische Qualitäten hat, die über das Genre hinausweisen, steht nicht im Widerspruch zu dieser...
