Editorial

Opernwelt - Logo

Dass Musik das Herz ergreift, den Atem raubt, zu Tränen rührt – solchen Formulierungen haftet schnell der Ruch des Klischees, des Kitsches, des Sentimentalen an. Und die Vorbehalte gegen eine Rhetorik der Gefühlsemphase haben gute Gründe. Zum einen, weil diese Emphase von der Werbung vereinnahmt und dort zur Absatzförderung eingesetzt wird. Zum anderen, weil differenzierte Urteile ohne analytischen (Sach-)Verstand nun einmal nicht zu haben sind.

Und doch: Musik kann zu einer «existenziellen Erfahrung» (Helmut Lachenmann) werden, die alles aufruft, was uns ausmacht: Körper und Seele, Individuum und Gesellschaft, Leben und Tod.
Die amerikanische Mezzosopranistin Lorraine Hunt Lieberson war eine Sängerin, die immer aufs Ganze ging. Wenn sie den Sesto in Händels «Giulio Cesare», Charpentiers Médée oder die «Neruda Songs» ihres Ehemanns Peter Lieberson vortrug, brannte in ihr ein Feuer, das unmittelbar auf die Zuhörer übergriff. Das hatte nicht nur mit dem berückenden Timbre der Stimme zu tun, nicht nur mit Technik und einer beeindruckenden Palette von Ausdrucksnuancen. Die Ausstrahlung dieser Künstlerin wurzelte in einer persönlichen Integrität, der jedes Posieren, jede kalkulierte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2009
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Stephan Mösch, Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Von gestern auf morgen

Etwaige Illusionen über die Bedeutung klassischer Musik werden den Besuchern der MIDEM schon gleich am Eingang genommen. Ganz durch die große Halle durch, die Treppe hoch und dann links in der Ecke – hätte die freundliche Stewardess am Counter des Festivalpalastes von Cannes nicht den Weg zur Klassik-Abteilung, sondern die Bedeutung von Bach, Beethoven und...

Zirkus mit Sonnenkönig

Es war der Auftrag seines Lebens. In Frankreich wollte Louis XIV. heiraten – aus politischen Gründen. Und er, Francesco Cavalli, Komponist und Impresario aus Venedig, sollte die Musik für das Hochzeitsfest schreiben. Die Strippen zog Kardinal Jules Mazarin, jener von Italien nach Paris ausgewanderte Diplomat und Gottesmann, der damals, Mitte des 17. Jahrhunderts,...

Unter Druck

 Gerard Mortier ist weg, mitsamt seinen Luftschlössern. Der Aufsichtsrat der New York City Opera habe den ihm zugesagten 60-Millionen-Dollar-Etat auf 36 Millionen gekürzt, erklärte er im November der New York Times. Wer, fragte man sich, würde unter diesen Umständen für Mortier einspringen? Am 14. Januar gab es die Antwort: George Steel (42) soll den Karren aus dem...