Hosen runter
Die Rasur des Hauptmanns fällt aus. Er kauert auf einem ausgestopften Pferd, das gerade zum Sprung ansetzt. Von Wozzeck rasiert werden hier ein paar in Reih und Glied aufgestellte Gardisten, und zwar unterhalb der Gürtellinie: Einem nach dem anderen stutzt er das Haar am Gemächt. Hinten zieht ausgelassenes Volk vorbei, Fähnchen schwenkend, zum Frohsinn entschlossen. Die erste Szene spielt in einem leeren Saal mit hohen Fenstern. Der Bühnenbildner Erlend Birkeland hat ihn, wie Regisseur Ole Anders Tandberg im Programmheft verrät, einem beliebten Ausflugslokal in Oslo nachempfunden.
Später wird in diesem Raum auch der Doktor experimentieren, mit blutenden Präparaten in Petrischalen. Und dort spreizt sich auch der Tambourmajor für eine adrett zugeknöpfte Bürger-Marie.
Überhaupt sind wir nicht bei «arme Leut’» im neuen «Wozzeck» an der Deutschen Oper Berlin. Es geht eher gutbürgerlich zu, mitunter grell aufgeraut zwar und surreal verfremdet, aber doch wohlsituiert. Die 15 Szenen nach Büchners Dramenfragment schnurren bei Tandberg nämlich am norwegischen Nationalfeiertag ab. Weil da so viele alte Uniformen spazieren gehen, das Bier durch die Kehlen läuft und alle ein bisschen die Sau ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Panorama, Seite 31
von Albrecht Thiemann
Vom deutschen Wald, dem «Jägervergnügen», Agathes guter Stube und der mitternächtlich-gespenstischen Wolfsschlucht ist nichts zu sehen in Verena Stoibers «Freischütz»-Inszenierung, für deren Konzept sie 2014 den Grazer «Ring Award» gewann. Stattdessen zeigt die nüchterne Einheitsszenerie von Sophia Schneiders Bühnenbild einen gotischen Kirchenraum – graue Säulen,...
«Spieglein, Spieglein an der Wand, / wer ist die Schönste im ganzen Land?» Gute Frage. Leider selten richtig beantwortet. Wer etwa unter einer «körperdysmorphen Störung» leidet, muss höllisch aufpassen, sein Selbst nicht zu verlieren, versteht man doch darunter die Sucht, sich selbst ständig stundenlang anschauen zu müssen – allerdings nur, um das Manko zu sehen,...
Das Prinzip Hoffnung – es ist noch nicht erschöpft in Alexandra. Obwohl kaum etwas für Aufbruch, Zuversicht, Lust auf Zukunft zu sprechen scheint, wenn man durch die staubigen Straßen dieser Vorstadt fährt. Etwa 200.000 Menschen leben hier auf engstem Raum, viele in notdürftig zusammengeflickten Behausungen aus rohen Ziegeln, Wellblech, Pappe. Wie schon ihre...
