Gebet der Lebenden und der Toten
Der Musikwissenschaftler Richard Taruskin hat Nikolai Rimsky-Korsakows vorletzte, ein Jahr vor seinem Tod 1907 uraufgeführte Oper «Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronija» als «eine Art Testament» bezeichnet. Dmitri Tcherniakov erlöst das Werk aus der verbiegenden Heiligsprechung eines russischen «Parsifal» und holt es in seiner grandiosen Amsterdamer Inszenierung auf den Boden der Wirklichkeit zurück.
Was wir sehen, ist glutvolles Theater, das ganz nah an der Handlung des Librettos bleibt, sie aber in reale Bilder übersetzt und dennoch die Poesie des inneren Geschehens bewahrt. Rimsky-Korsakow hat in diesem Gipfel- und Endpunkt der russischen Operngeschichte des 19. Jahrhunderts zwei unabhängige Stoffquellen miteinander verbunden: den Tatareneinfall, der zur Vernichtung der Stadt Kitesch führt und die Legende von der den Tod überdauernden Liebe der Bauerntochter Fewronija zum Fürsten Wsewolod. Während das historische Sujet des Tatareneinfalls mit seiner grausamen Realität die beiden Binnenakte beherrscht, steht Fewronija als Sinnsucherin eines naturmystischen Pantheismus im Zentrum der Außenakte. Ihre Gebete bewirken ein Wunder: Der aufziehende ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Uwe Schweikert und Boris Kehrmann
Kurz vor seinem 75. Geburtstag wagte sich Claudio Abbado zum ersten Mal an Beethovens «Fidelio». Die Aufführung, im Frühjahr 2008 nacheinander in Reggio Emilia, Baden-Baden, Madrid, Ferrara und Modena gezeigt, wurde von den angereisten Kritikern als musikalische Offenbarung empfunden. Zwei Jahre später nahm sich der Dirigent das Werk beim Lucerne Festival noch...
Verdis «La forza del destino» – nach dem spanischen Schauerstück des Ángel de Rivas Saavedra zum wilden, atemlosen Musiktheater geformt – ist ein Bilderbogen des Krieges und der Blutrache, wo selbst fromme Mönche donnernde Verfluchungen ausstoßen und die Hauptfiguren untergehen: gequält, erdolcht, zerschmettert auf dem Boden einer Schlucht. Verdis «Krieg und...
Lajos Lencsés, Solo-Oboist des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR (RSO) von 1971 bis 2008, war «schockiert», als er in Südfrankreich aus der Presse erfuhr, was seinem ehemaligen Orchester droht: die Fusion mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (SO). Peter Boudgoust, der Intendant des Südwestrundfunks, hatte Anfang Februar den Verwaltungsrat...
