So viel Zeit muss sein
Der graue Linoleumboden riecht nach Schulsport, die Neonröhren summen leise. Hier ein Plüschsofa, dort eine Schubkarre voll abgewetzter Männerschuhe. An den Wänden: Ballettstangen. Ein groß gewachsener Mann im Sakko kriecht auf allen Vieren in die Mitte des Raumes, beobachtet von einer kleinen älteren Frau, die hinter einem langen Holztisch verkehrt herum auf ihrem Stuhl hockt. Der Pianist greift in die Tasten und singt: «Mein Soohn Amfoortaas, bist du am Aaamt?». Die Frage gilt dem Mann am Boden. Der scheint an seinem vorläufigen Ziel angekommen – einem Podest aus Europaletten.
Der Bariton Mathias Hausmann, die Spielleiterin Verena Graubner und der stellvertretende Studienleiter Christian Hornef feilen im dritten Stock der Oper Leipzig an Wagners «Parsifal». Zehn Jahre ist es her, dass Roland Aesch-limanns Inszenierung Premiere feierte, seitdem ist sie regelmäßig im Spielplan – und muss, wie jetzt zu Ostern, immer wieder aufpoliert werden.
Hausmann hievt sich auf die Paletten und singt von Amfortas’ Todessehnen. Sein Blick verfestigt sich in der Ferne, sein Atem geht schwer. Die Qualen, hörbar in der Stimme, sichtbar in der Mimik – man kauft sie ihm ab, auch ohne Kostüm und ...
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Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Aus der Werkstatt, Seite 46
von Nora Sophie Kienast
Die biblischen femmes fatales Judith und Salome haben einiges gemein: Beide trachten mit mörderischer Rage einem Mann nach dem Leben, beide setzen in ihren Racheplänen auf ihre körperliche Reize, beide bringen ihr Opfer erfolgreich zur Strecke. Und doch sind sie Gegensätze: Judith, die Lichtgestalt, rettet ihr Vaterland. Salome, die machtsüchtig Verderbte, schafft...
Alejo Pérez suchte die Musik im Paradies. Hoch oben, wo die Fresko-Decke des Teatro Colón fast mit Händen zu greifen ist. Im «Paraíso», wie hier der höchste Rang heißt, stand Alejo als kleiner Junge an jedem nur möglichen Wochenende und blickte auf die Bühne. «Egal ob Oper oder Konzert – ich wollte dabeisein», erinnert sich Pérez, der jetzt zu den aufstrebenden...
Als Arthur Miller 1953 sein Schauspiel «Hexenjagd» herausbrachte, schilderte er zwar einen Fall aus der amerikanischen Historie. Doch seine Zeitgenossen sahen sehr wohl die Parallelen zur Kommunistenhatz des Senators McCarthy. Die Jagd auf vermeintlich Abtrünnige und satanische Zerstörer des Guten scheint unausrottbar – nicht nur deshalb taucht das Stück regelmäßig...
