Versailles: Von Angesicht zu Angesicht
Zoroastro stapft mit einem Handscheinwerfer an die Rampe und lässt den Strahl über die Ränge wandern. Dagegen dürfte niemand Einwände haben: eine Gelegenheit, den herrlichen Saal in Ruhe zu betrachten, den Louis XV. im Schloss Versailles so widerwillig bauen ließ. Das Publikum folgt mit Ahs und Ohs, auch wenn die Aktion wohl kaum fürs Sightseeing geplant war. Auf der Bühne selbst gibt es eher wenig zu sehen – Regisseur und Ausstatter Eric Vigner hat sie für Händels «Orlando» fast roh belassen.
Zoroastro, Zeremonienmeister, Herr über Licht und Prospekte, kann da nach Belieben für Veränderung sorgen, zum Beispiel mit einem Perlenvorhang, der sich in der Wahnsinns-szene schön verwirbeln lässt. Das dominante Merkmal des Bühnenbilds: ein riesiges iPhone, das im Portal hängt. Sinnig, wenn man bedenkt, wie viel hier tagein, tagaus mit einem ebensolchen geknipst wird. Zoroastro zeigt Orlando darauf ein Video zweier nackter Liebender, die sich lasziv auf einem Bett räkeln. «O imagine funeste», ruft der Ariost’sche Held, solcherart mit den Indiskretionen des YouTube-Zeitalters konfrontiert, und zieht los, zu neuen Liebesgroßtaten. Der szenische Nutzen des Geräts hat sich damit allerdings ...
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Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Wiebke Roloff
Elektrisierende Streicher, dunkel murmelndes Klavier. Wind, der die Baumwipfel zaust, in rhythmischen Böen niederstreicht – so beginnt Ralph Vaughan Williams’ «On Wenlock Edge» zu Texten aus A. E. Housmans «A Shropshire Lad», uraufgeführt 1909. Dann sind da die Glocken in «Bredon Hill», schwingende Quinten, leichtfüßig durchschrittene Terzen, schließlich düstere...
Mit einem Schrei der Senta wird der Zuschauer in die Pause entlassen. Der Regisseur Alexander Nerlich legte sie auf den Beginn des Finales zum zweiten «Holländer»-Akt, wo der geheimnisvolle Mann erstmals in Sentas Blickfeld tritt, genauer: wie von einer unsichtbaren Macht auf die Bühne geworfen wird. Nerlich geht es in dieser Geschichte vor allem um den Einbruch...
Wien, Domgasse 5. Im ersten Stock die Wohnung, in der Mozart während der Arbeit am «Figaro» wohnte. Es sind schöne stille Räume, angefüllt mit gefrorener Zeit, und der Besucher fragt sich, ob das schrille Lachen, mit dem Tom Hulce als Faun Amadeus in Milos Formans Film nicht nur F. Murray Abrahams Salieri, sondern auch den Zuschauer nervte, dort tatsächlich je...
