Jugendweise, altersfrisch
Die neuen Propheten der Alten Musik? Sie gingen zunächst in England (Trevor Pinnock, Christopher Hogwood), in den Niederlanden (Ton Koopman, Frans Brüggen) und Flandern (Philippe Herreweghe, René Jacobs, die Kuijken-Brüder) ans Werk. Dank eines frankophilen Amerikaners (William Christie) mischten sie auch in der Grande Nation schon früh die Hörgewohnheiten auf (Marc Minkowski, Christophe Rousset, Emmanuelle Haïm).
In Köln pustete Reinhard Goebel mit seiner Musica Antiqua seit 1973 den Staub aus den (nicht selten vergessenen) Partituren, in (Ost-) Berlin formierte sich 1982 die Akademie für Alte Musik, fünf Jahre später gründeten Studenten das Freiburger Barockorchester. In Mailand legte 1985 mit Il Giardino Armonico das erste international erfolgreiche Spezialensemble Italiens los. Dass William Byrd und Henry Purcell, Lully oder Rameau, Telemann, Händel und die Bachs plötzlich ohne Perücken- und Pomadenmuff die romantisch verklebten Ohren rockten, dafür hatten, quasi im Alleingang, zwei Pioniere bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren den Boden bereitet: Gustav Leonhardt in Amsterdam und Nikolaus Harnoncourt in Wien. Das Verrückte: Es waren – und sind bis heute – überwiegend ...
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Opernwelt Juni 2019
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Albrecht Thiemann
Eine Donizetti-Uraufführung! Bei gut 70 Opern – kommt es da auf eine mehr oder weniger an? Ja, denn «L’Ange de Nisida» erweist sich als ein Geniestreich. Aber ist diese Partitur nicht in «La favorite» aufgegangen, die Ende 1840 an der großen Oper in Paris herauskam? So glaubte man zu wissen. Gewiss, die Grundzüge der Handlung sind identisch. Doch nur knapp die...
Es sei barbarisch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, dozierte einst Theodor W. Adorno. Westdeutsche Intellektuelle haben diesen Satz jahrzehntelang nachgeplappert. Glücklicherweise hielten sich Rose Ausländer, Paul Celan und Nelly Sachs nicht daran. Romanciers und Regisseure sind hingegen meist kläglich gescheitert, wenn sie sich dem Holocaust zuwandten;...
Wer die Oper liebt, kennt auch die Geschichte vom Berg und dem Mäuslein. Es ist nämlich ein Maximum an Kraft und Können nötig, um das perfekte Nichts zu produzieren. Diese Erfahrung gehört zu den vielen Paradoxa des «unmöglichen Kunstwerks», die der Kritiker Oscar Bie 1913 in seiner legendären Analyse dieser Gattung nur vergessen hatte zu erwähnen.
Ende April war...
