Unaufwändig intensiv
John Dews mutiger Versuch, Gustave Charpentiers einst ungeheuer erfolgreiche «Louise» von 1900 zusammen mit ihrer (dramaturgisch und harmonisch) ungleich moderneren Fortsetzung «Julien» (1913) am Dortmunder Theater neu zu entdecken, blieb vor acht Jahren ein Einzelfall – die Vorlieben unserer Ahnen sind eben nur bedingt zu revitalisieren. Im Fall der «Louise» ist es vor allem das von Charpentier selbst gezimmerte Libretto, das dem kritischen Blick der Moderne nicht mehr standhält.
Zwar wurde erstmals der Naturalismus eines Émile Zola konsequent auf die Opernbühne versetzt und das Milieu der sozial Unterprivilegierten (aus dem Charpentier selbst stammte) im Paris seiner Gegenwart abgebildet. Doch alle Figuren singen im «großbürgerlichen» Idiom von Charpentiers Lehrer Massenet und werden vom reich besetzten Orchester in einen parfümierten, mit Erinnerungsmotiven angereicherten Klang gebettet, dass dem «Milieu» letztlich der eigene Ton versagt bleibt. Im Übrigen wirkt die Geschichte um die Emanzipation der Näherin Louise aus den Fängen ihrer Familie durch die Liebe zum Dichter Julien bei den Figuren – zumal des Vaters, eines patriarchalischen Monsters – derart klischeehaft ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Musik ist alles, was nicht nur Gymnastik ist.» Das Bonmot des Wiener Komponisten und Pianisten Otto M. Zykan mag zunächst nur flapsig klingen, verweist aber auf einen Definitionsnotstand. Denn schon darüber, was überhaupt «Musik» sei, gibt es erhebliche Meinungsdiskrepanzen. Zwischen Mahlers «Sinfonie der Tausend» und John Cages stummem Dreisätzer «4.33» liegen in...
Zweimal Fabrice Bollon. Der neue Freiburger GMD – nach zwei Interims-Spielzeiten mit Patrik Ringborg und Gerhard Markson – erschien bei seinem Amtsantritt gleich doppelt. Als Dirigent von Carl Maria von Webers «Freischütz» entpuppt er sich weniger als brütender Romantiker denn als Klassizist eines betont offenen, kammermusikalisch ertüftelten und im Instrumentarium...
Man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, dass der indische, seit Langem in London lebende Bildhauer Anish Kapoor das Ausufernde, ja Uferlose liebt. Gegen Gigantomanie von Arbeiten wie «Marsyas» (London), «Syayambh» (München) oder «Cloud Gate» (Chicago) mutet das Gebilde, das Kapoor für die Neuinszenierung von Debussys «Pelléas et Mélisande» am Théâtre La Monnaie...
