Händel, Telemann und der Maddin

Knisternde Theaterluft: Wie das kleine Haus in Gießen erfolgreich mit alten und neuen Formen des Musiktheaters experimentiert

Opernwelt - Logo

Nichts gegen Kontinuität! Als Cathérine Miville vor 13 Jahren von dem nach Erfurt wechselnden Guy Montavon die Gießener Intendantenstaffel übernahm, wurde das kleine Haus in Mittelhessen kaum einmal überregional wahrgenommen. Das hat sich allmählich, aber auffällig und in der Summe heftig geändert. Nun gibt es, vor allem in der Oper, eine Fülle von Produktionen, die ein Publikum von weither anziehen, aber auch von den Bewohnern der Universitätsstadt geschätzt werden. Bei den Gießener Premieren herrscht knisternde Theaterluft.



Kenner wissen, dass Gießen ein geradezu dramatisches Theaterpflaster ist – Brutstätte einer Bühnenästhetik, die Verstand und Praxis Theaterschaffender radikal veränderte. Die «angewandte Theaterwissenschaft» des an der Gießener Uni lehrenden charismatischen Theoretikers Andrzej Wirth geriet zur einflussreichsten Theaterströmung der letzten Zeit; ihr vielleicht namhaftester aktueller Repräsentant ist Réne Pollesch, der keine «fertiggedruckten» Stücke mehr inszeniert, sondern mit den Schauspielern zusammen ein körperzentriertes «integrales» Spielen (unter Zuhilfenahme nichtnarrativer, teils quasi ad hoc generierter Texte) herstellt. Es scheint plausibel, dass ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Hans-Klaus Jungheinrich

Weitere Beiträge
Geschichtsbewusst ironisch

Nicht um Politik und Historie geht es in Verdis erster Auftragsarbeit für die Pariser Oper (1855), denn im Libretto von Eugène Scribe und Charles Duveyrier ist der Aufstand der Sizilianer gegen die französischen Besatzer (1282) eine austauschbare Folie für eine private Geschichte, die Jahre vorher in anderem Ambiente unter dem Titel «Le Duc d’Albe» schon von...

Beschädigung als Phänomen

Der Begriff «Belcanto» scheint auf vieles anwendbar – auch Hunde hat man schon so gerufen. Ihn wörtlich als Schöngesang zu übersetzen, ist unzureichend, denn eigentlich steht er für die haute cuisine der Gesangstechnik; im Vergleich dazu schmeckt das robuste Staudruck-Stemmen wie Currywurst. Zugleich repräsentiert dieser Begriff eine Periode der Musikgeschichte, in...

Muskelspiele

Wenn es tagt, dann wendet sich auch der König der Sonne zu. Der Helligkeit, der Kraft, der Erkenntnis. Ein finales Dur-Aufgischten markiert die Lösung des inneren Konflikts, die Läuterung, das Heraustreten aus dem bisherigen Sein – und den Gegenpol zur dunklen Verführung zuvor. Eine Apotheose, in Nürnberg allerdings ein kurzer Schreckensmoment. Ein Scheinwerfer...