Dichterlieben

Norbert Miller rückt Goethes Beziehungen zu Musik und Musikern seiner Zeit ins Licht

Opernwelt - Logo


Ausbrüche waren selten bei diesem Dichter der überlegten Überlegenheit und des ausgiebig gemessenen Wortes. Umso mehr dürfte der Freund Carl Friedrich Zelter überrascht gewesen sein, als er jenen Brief öffnete, welchen Johann Wolfgang von Goethe ihm am 24. August 1823 zusandte, nachdem er in einem Konzert die Stimme der Berliner Sopranistin Anna Milder-Hauptmann und das Klavierspiel der polnischen Pianistin Maria Szymanowska vernommen hatte.

In ungewohnter Direktheit öffnet Goethe hier den Raum des Privaten, und wir gewinnen Einblicke in des Großschriftstellers Herz: «Nun aber doch das eigentlich Wunderbarste! Die ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen», heißt es da, und weiter, recht anspielungsreich: «Die Stimme der Milder, das Klangreiche der Szymanowska, ja sogar, die öffentlichen Exhibitionen des hiesigen Jägerkorps falten mich auseinander, wie man eine geballte Faust freundlich flach lässt.» Der Grund für die Aufwallung liegt nicht in der Musik selbst. Nein, den Geheimrat Goethe hat es gepackt. Er ist verliebt, und die junge Ulrike von Levetzow das Subjekt seiner (ungestillten) Begierde. Die Allmacht der Musik, wie sie Goethe beschwört, sie wird nur wirksam ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2010
Rubrik: Medien / Bücher, Seite 27
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Melancholie des Verfalls

Verdis «Traviata» kann man auf unterschiedliche Weise erzählen. Dietrich Hilsdorf hat sich in Köln für die gesellschaftliche Variante entschieden und die Handlung ins «Restaurant Coquette» verlegt, in dem sich die Pariser Halbwelt trifft. Dieter Richters stimmiges Bühnenbild zeigt leicht verblasste Räume des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in denen die Melancholie...

Vom Ohrensehen und Augenhören

Im Reich der Sinne herrschen offenbar ähnliche Zustände wie in Politik und Gesellschaft: Nicht immer hat der Bessere die größere Lobby. Denn obwohl die Welt gegenwärtig eindeutig das Auge hofiert, scheint das Ohr doch das differenziertere, präzisere Organ. Das Auge schätzt, das Ohr misst, stellte der deutsche Jazzguru und Nada-Brahma-Jünger Joachim Ernst Berendt...

«Ich bin ein singender Sprecher»

Er gehört zu jener Kategorie Sänger, die nicht nur etwas zu singen, sondern auch etwas zu sagen haben. Und so weitet sich das Gespräch, das wir anlässlich seines siebzigsten Geburtstages mit Siegmund Nimsgern vereinbart haben («Sie machen hoffentlich keinen dieser üblichen Nekrologe daraus»), von der Aufzählung von Daten schnell zu einem Diskurs über Musik,...