Die Kinder des Orpheus
Wäre Robert Musil Zeuge dieses in vielerlei Hinsicht aufschlussreichen Abends geworden, er hätte vermutlich ein verschmitztes Lächeln aufgesetzt. Wieder einmal waren sich hier jene zwei Wesenheiten (oder auch: Denk- und Existenzmodelle) begegnet, die Musil in seinem unvollendeten Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» so kongenial hatte aufeinander stoßen lassen: der «Wirklichkeitssinn» und der «Möglichkeitssinn».
Als Chiffren für den schier unlösbaren Antagonismus aus fantasielos-tumbem Gebaren hier und gedankenvoller Lebensidee dort, von Musil mit der ihm eigenen literarischen Grandezza ausgeführt, ließen sich diese Wortschöpfungen als Synonym auch für ein Phänomen gebrauchen, welches die zeitgenössische Musik seit langem begleitet – gleichsam stellvertretend für ein grundlegendes Missverständnis ambitionierter Kunst gegenüber. Sucht diese, auch mit dem Wissen um die Gefahr des Scheiterns, nach der Ausdehnung ihrer Mittel, so scheint eben dieser Versuch einer Ausdehnung eine enorme geistige Beschränkung bei denjenigen auszulösen, die dem Neuen a priori mit Entschiedenheit ablehnend begegnen. Konkret auf das, was in Hannover geschah, bezogen: Es hätte nicht viel gefehlt, und der ...
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Mit ihrer neuen Produktion beweist die Deutsche Oper Berlin Kontinuität: Auf der Bühne dominieren große Namen, im Graben gibt der soundsovielte Top-Kandidat für die Thielemann-Nachfolge den Takt an, im Saal werden Bravi und Buhs unberechenbar ausgeteilt. Was David Pountney und sein Ausstatter Robert Innes Hopkins als bewährtes «Cavalleria/ Pagliacci»-Doppel...
«Le Balcon», beschwor Jean Genet anlässlich der Uraufführung seines Schauspiels den Regisseur Roger Blin, solle nicht als Satire gespielt werden. Denn nicht literarische Absteige ist das Bordell der Madame Irma, sondern Großes Welttheater in Form einer «Verherrlichung der Erscheinung und der Spiegelung» (Genet).
Exakt dies hatte Péter Eötvös bei seiner Umformung...
Die mittlerweile 79-jährige, in Passau lebende Ruth Zechlin hat Henry Purcells nicht vollständig überlieferte und daher auch nicht abendfüllende Oper «Dido and Aeneas» um die bei Vergil überlieferte Vorgeschichte erweitert. Ihre ebenfalls knapp einstündige Kammeroper nach einem Libretto von Hellmuth Matiasek rollt das Geschehen als Rückblende auf: Elissa verliert...
