Von Blindheit erleuchtet
Die Choreografin Pina Bausch ist lange nach dem Ende ihrer Karriere als Tänzerin noch zweimal als Schauspielerin aufgetreten: in Boris Blachers Gombrowicz-Oper «Yvonne, Prinzessin von Burgund» als stumme Titelfigur, in Fellinis «Schiff der Träume» als blinde Prinzessin. Die Lautlose kann sich nicht mitteilen; zum Nicht-Sehen-Können gehören die Hilflosigkeit wie das Charisma des «blinden Sehers», aber auch die «Verblendung» des Fanatikers, prototypisch der «Don Carlos»-Großinquisitor: ein Greis und blind.
Dass Stücke über «Blinde» im späten 19. und frühen 20.
Jahrhundert häufig anzutreffen sind, mag mit dem Doppelcharakter des Fortschritts zu tun haben: Gehörte zur Technik der Weitblick, dessen Rationalität romantische Realitätsverweigerung konterkarierte (etwa in Maeterlincks Drama «Die Blinden»), so zur industriellen Dynamik die militärische Massenvernichtung mit ihren unzähligen Kriegsblinden. Wenn nun die Frankfurter Oper zwei einschlägige russische Opern bündig koppelt, so reflektiert sie weltflüchtiges Fin de Siècle-Kunstmärchen wie neuzeitliche Schreckens-Sachlichkeit. Steht Tschaikowskys letzte Oper «Iolanta» (1892) im Zeichen der Liebes-Erlösungs-Mystik, so dokumentiert ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Gerhard R. Koch
Natürlich dürfen wir uns Schumanns Faust nicht leibhaftig vorstellen. Als Grübler mit gebeugtem Kopf, zerfurchter Stirn, in fadenscheiniger Kluft. Auch Gretchen ist bei ihm nicht eine Verführte aus Fleisch und Blut, so wenig wie Mephisto ein hölleneifrig-zynischer Tatmensch, der ihren und manch anderen Fall einfädelt. In den Bruchstücken, die Schumann für sein...
Sie sehen alle fast gleich aus: blond, hübsche Kleidchen, den Kopf gesenkt. Immer wieder kommt einer aus des Herodes Partygesellschaft und holt sich eines der vermutlich sehr jungen Mädchen. So ist das in dieser Welt. Salome aber, von Ingela Brimberg souverän, ganz ohne falsche Kleinmädchentöne vorgestellt, ist groß da, wo sie groß sein muss, wenn sie «Du wolltest...
Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch? Nun ja, manchmal ist ein Tisch nicht mehr als ein bemühtes Requisit, hier aber ist er ein Füllhorn an Geschichte(n). An diesem Tisch (graues Resopal) haben sich Tragödien ereignet, individuelle, familiäre, gesellschaftliche; Tragödien, die stets am Rande der Groteske wohnen und doch tief ins Innere der Protagonisten blicken...
