Projektionsfiguren

Puccini, analytisch: «Manon Lescaut» in Graz und «Il trittico» in Wien

Opernwelt - Logo

«No, non voglio morire! Amore... aita!», schluchzt Manon. Der elegante Herr, den sie um Hilfe anfleht, zeigt sich zwar tief bewegt, aber letztlich unerbittlich: Der Bühnentod muss eingehalten werden. Der Abweisende ist nämlich Puccini selbst (in Gestalt von János Mischuretz), schon vorher stets präsent, Zigarette im Mundwinkel, Gehrock, Melone. Und Manons Sterben ist künstlerisches Konzept.

«Letztlich töten wir die Liebe, um sie zu greifen, sie durch Kunst zu erlösen», erklärte Regisseur Stefan Herheim bereits vor acht Jahren, als er in Wien an der Volksoper «Madama Butterfly» inszenierte (und dabei den Komponisten ebenfalls auf die Bühne brachte). Puccini habe sich auf diese Weise Bedürfnisse erfüllt, die er im wirklichen Leben nicht realisieren konnte.

Mit den Protagonistinnen seiner Opern verkehrte der Meister aus Lucca oft mehrere Jahre lang mit äußerster Intensität, schuf Projektionsfiguren, Ideenfrauen. Die Parallele zu Wedekind/Bergs «Lulu» bietet sich an, zumal die Bemerkung Karl Kraus’ über eine, «die sich erst im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt», durchaus auch auf Manon zutrifft. Nicht so sehr auf jene von Abbé Prévosts Roman, vielleicht auch nicht unbedingt auf ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Unter Hochdruck

Auch wenn René Jacobs in der neuesten Folge seiner Mozart-Opernserie zu einer ungewöhnlichen Instrumentation greift: So revolutionär wie seine «Così» oder «Zauberflöte» ist diese «Finta giardiniera» nicht. Zumal wenn man sie mit dem Mitschnitt der legendären Brüsseler Inszenierung von Ursel und Karl-Ernst Herrmann unter Sylvain Cambreling (1989; siehe OW 3/2003)...

Schönheitssucher, Künstlerfürst, Veränderer

Biografisch-kalendarische Parallelen verweisen manchmal – über den puren Zufall hinaus – auf fundamentale Analogien oder Gegensätze. Wenn nun der hundertste Geburtstag von John Cage und der Tod von Hans Werner Henze so nahe beieinander liegen, so lässt dies über etwaige Zusammenhänge reflektieren. Wobei evident scheint, dass beide Komponisten so epochale wie polare...

«Klagen ist sinnlos, aber kämpfen ist sinnvoll»

Am 6. Juli 2013 jährt sich zum vierzigsten Mal der Todestag Otto Klemperers. EMI Classics greift aus diesem Anlass tief in ihre Archivbestände und legt die diskografische Hinterlassenschaft des Dirigenten, der als strenger Sachwalter des klassisch-romantischen Repertoires Interpretationsgeschichte geschrieben hat, in einer voluminösen, auf 78 CDs berechneten...