Sprechende Gesten
Viermal lockt die blonde Schöne den Liebe suchenden Tannhäuser in der gleichen Pose. Jedes Mal vergrößert sich bis zum Ende der Ouvertüre ihr Gefolge. Dabei watet man auf der Bühne des Stadttheaters Klagenfurt knöcheltief durchs Wasserbassin. Der französische Regisseur David Bobée sieht nämlich im Venusberg nicht die lodernde Glut wild entflammter Begierde, sondern eine Wasserwelt, warum auch immer. Und so steht unser Wanderer vor einer Videowand mit Wassermotiven – von vergrößerten Tropfen bis zu Eiskristallen (Wojtek Doroszuk).
Ansonsten geht es eher keusch und statuarisch zu, weshalb man auch nicht genau weiß, warum der Mann aus jener Welt fliehen will.
Denn «zu Hause» erwartet ihn ja auch nur eine wie zu Stein erstarrte, von Axel Aust entsprechend grau gekleidete Männergesellschaft, die streng ihrer Religion folgt. Weshalb – Bobée arbeitet als sein eigener Bühnenbildner mit zeichenhaften Elementen – eine monumentale Marienskulptur mit gesenktem Haupt überdeutlich den zentralen Bühnenplatz einnimmt. Wenn die Freunde der Liebe quasi den Sängerkrieg erklären, vor symmetrisch links und rechts auf Podesten gestaffeltem Chorvolk, bleibt Tannhäuser auf verlorenem Posten. Und wenn er ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Karl Harb
Wunderschön der gründerzeitliche Salon auf der Bühne. Weinrote Seidentapeten, erlesenes Mobiliar, im Hintergrund ein hohes Fenster mit Blick auf einen vom Herbstwind leis bewegten Baum. Einiges freilich will nicht stimmen. Zum Beispiel die in die Zimmerdecke eingelassenen Halogenleuchten, das moderne Telefon auf dem Wandtischchen, der Rollkoffer aus Aluminium; sie...
Die Kunst ist krank. Seit sie das klassische Gleichgewicht aus apollinischem Formempfinden und dionysischer Maßlosigkeit zugunsten Letzterer eingebüßt hat, verzehrt sie sich – und mit ihr die Schöpfer, mitunter gar die singenden oder dirigierenden Nachschöpfer des Entgrenzten, des Unbedingten, des Rauschhaften. Richard Wagners sich im «Tristan»-Akkord...
Alfredo Casella (1883-1947) war ein Hauptvertreter der so genannten «generazione dell’ottanta», die sich radikal von der spätromantischen Wagner-Nachfolge wie vom italienischen Verismo abwandte und die Zukunft der Musik in der Rückbesinnung auf die alten Formen, in einem bewussten Klassizismus sah. Im Musiktheater bedeutete das eine Abkehr von mythologischen und...
