Virtueller Größenwahn
Gleich in der ersten Szene erscheinen Amando und Amanda als Sophie und Octavian aus dem «Rosenkavalier»: Und wäre nicht zuvor Ligetis schräge Autohupenfanfare erklungen – man wähnte sich im falschen Stück. Die Essener Philharmoniker unter Dima Slobodeniouk intonieren den flirrenden Klangzauber dieser Passage so süffig, und Elizabeth Cragg und Karin Strobos singen ihre innigen Terzen so fein abgestimmt, dass sich sogleich die Magie der guten alten Opernzeit einstellt.
Doch wenn Amando den Hosenlatz herunterlässt und einen gigantischen Umschnallpenis präsentiert, platzt der Zuckerguss ab. Nun ja: In der Urfassung der Oper hießen die beiden noch Spermando und Clitoria.
Damit ist man mitten in den bewusst arrangierten Ambivalenzen des Stücks. Nekrotzar, der König Tod, der große Makabre macht sich auf, Welt und Menschheit zu vernichten, lässt sich aber von seinen präsumtiven Opfern zum Saufen verleiten und verschläft seinen Auftritt. Oder war er nur ein Gaukler, der den Leuten etwas vorgemacht hat? Der Weltuntergang jedenfalls fällt aus – so weit folgt die Oper der Dramenvorlage von Michel de Ghelderode. Die Sprache aber, vorsätzlich fehlerhaft, voller obszöner Neologismen, ansonsten ...
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Opernwelt April 2015
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Ingo Dorfmüller
Ein Orang-Utan-Weibchen, durch Käfighaltung, Transporte und Tierversuche geschunden, der rechte Oberarm aufgerissen, der Blick leer, das Haar so dünn, dass die Kopfhaut durchscheint – dergestalt zeigt sich die Zauberin Alcina am Ende von Georg Friedrich Händels gleichnamiger Oper. Kein glitzerndes Paillettenkleid von Louis Désiré, keine Strasssteinmaske für Stirn...
Drei abgehackte Köpfe, damit haben wir gerechnet, summa summarum. Wer auszieht zu dreimal «Salome», muss sich schließlich auf eine gewisse Anzahl Kunststoffleichenteile gefasst machen. Aber es werden fünf. Und drei davon gehören nicht Jochanaan.
An Coburg liegt es nicht. Hier wird solide am Libretto entlang erzählt, und auf dem Höhepunkt gibt’s Jochanaans bleiches...
Geheime Gärten
Ein «Sunken Garden» bei Michel van der Aa, der Nicht-Ort zwischen Leben und Tod in Glucks «Orfeo», die Kunstinsel Elysium in Schrekers «Die Gezeichneten» – das Opernfestival in Lyon ist eine Reise in verrätselte Reiche.
Maskerad’
Octavian war einst ihre Paradepartie, heute führt Brigitte Fassbaender beim «Rosenkavalier» Regie. Wie jetzt in Baden-Baden...
