Klangbildtheater

Achim Freyer inszeniert Debussys «Pelléas et Mélisande» in Linz als poetisches Farblichtspiel. Das Bruckner-Orchester findet unter Dennis Russell Davies zu großer Form

Opernwelt - Logo

Energie, die mit Farbe nach dem Leben greift: Der Bühnenraum ist voller Scheiben, aufgehängt wie vertikale Perlenketten in geometrischem Raster. Ihr Kolorit changiert, passt sich Ebbe und Flut der Musik an. Links ein wirrer, struwwelbärtiger Mann, die Beine in enormen Klötzen. Ein wenig erinnert er uns an Fafner. Oder an Rübezahl. Er scheint in Gedanken versponnen, als wolle er Erinnerungen herrufen oder schlechte Träume verscheuchen. Man ahnt: Es ist Golaud. «Ich komme nicht mehr aus diesem Wald heraus», singt er. Dieser Wald freilich ist nicht Außenwelt, sondern surreale Fantasie.

So beginnt Achim Freyers malerisch märchenhafte Exegese von Debussys «Pelléas et Mélisande» in Linz.

Bald fällt das Licht auf Mélisande, zunächst ein Torso, halb aus einer Zisterne lugend, später an Seilen aus dem Schnürboden hochgezogen wie eine Marionette. Wieder, wenn auch auf andere Art als in seiner Inszenierung von Sciarrinos «Luci mie traditrici» vor einem Jahr bei den Wiener Festwochen, vermeidet Freyer jede physische Interaktion zwischen den Figuren. Beinahe alle (außer Golaud, in seinen Klötzen erdenschwer plump, und dem mit einem Hydrozephalus versehenen Yniold links vorne an der Rampe) ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Die letzten Tage der Menschlichkeit

Lyon, 22. März 2016: Vor der Vorstellung von «Benjamin, dernière nuit» tritt jemand vor den Vorhang und bittet um mitfühlendes Schweigen für die Opfer der Brüsseler Anschläge am Morgen des gleichen Tages. In der Stille denken wir daran, wie sehr diese Kar­woche Leid und Tod ohnehin in den Mittelpunkt rückt. Und dass Gottes Name schon immer zur Rechtfertigung von...

Beissend, bitter

An den Anfang seiner Inszenierung von «Boris Godunow» stellt Richard Jones ein Bild so licht und unschuldig wie aus einem Kinderbuch. Der Vorhang zeigt eine Kinderhand beim Griff nach einem Kreisel. Als dann im Saal die Lichter ausgehen, wird Miriam Buethers klaustrophobisches Bühnenbild enthüllt: Wände schwarz wie Reifengummi, mit der Zarenglocke als Relief. Auf...

Singende Hohlköpfe

Was für ein Theater: im Theater. Da streiten sich auf offener Bühne die Tragischen mit den Komischen, die Lyrischen mit den ­Lächerlichen über die Frage, was man sehen möchte. Und sie mischen sich ein, wenn endlich die Geschichte von der «Liebe zu den drei Orangen» erzählt wird. Der hier namenlose Prinz (der in Carlo Gozzis Vorlage noch Tartaglia heißt) ist so...