Lieder sind keine Kleinstopern

Dass Christian Gerhaher nicht singender Arzt ist, sondern ein (seine Tätigkeit stets scharf analysierender) Sänger mit medizinischem Diplom, hat sich herumgesprochen. Als Liedinterpret setzt er Maßstäbe, doch auch auf der Opernbühne reüssiert er. Gerhard Persché hat den Ausnahme-Bariton in Wien getroffen

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Herr Gerhaher, wo haben Sie den ersten Vormittag in diesem Jahr verbracht?
(schmunzelnd) Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Nein, nicht im Großen Musikvereinssaal in Wien. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker habe ich mir auch nicht im Fernsehen angesehen. Ich bin kein Freund dieses Events; man muss jedem Menschen solche Idiosynkrasien zugestehen.

Was stört Sie an Johann Strauß? Sie gaben Ihr Bühnendebüt ja in einer Strauß-Operette – 1998 in Würzburg als Homonay im «Zigeunerbaron».
Dem Vertrag gehorchend, nicht dem eig’nen Triebe.

Ich empfinde die Wiener und Budapester Operette, soweit ich sie kenne – und ausnahmsweise habe ich hier keine Nervosität, meine eingeschränkten Kenntnisse zu erweitern – als unmoralisch: in dem Sinne nämlich, als sie eine prätendierte Kunstform ist, die ohne besonders interessante Inhalte auskommt und somit nur Unterhaltung sein kann.

Der Regisseur Fritz Kortner hat in ähnlichem Zusammenhang einmal gesagt, er habe gelacht – aber unter seinem Niveau.
Ich habe überhaupt nichts gegen gute Unterhaltung, ich brauche das auch, aber das sogenannte populäre Entertainment ist für mich der Tod der Kunst, d. h. Kunstformen sollten es vermeiden, unterhaltend ...

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Opernwelt März 2010
Rubrik: Interview, Seite 36
von Gerhard Persché

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