Die unerträgliche Geschmeidigkeit des Seins

Perfekt choreografierte Menschenströme, kultivierte Umgangsformen, makellos gepflegte öffentliche Räume: Tokio ist die ideale Großstadtbühne. Doch hinter den Kulissen schwelen Widersprüche von destruktiver Kraft. Am New National Theatre wurde nun eine Oper uraufgeführt, die den Paradoxien Japans in Form einer allegorischen Legende auf den Grund geht: «Asters» von Akira Nishimura. Eine Spurensuche

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Shibuya Crossing, an einem milden Februar-Abend. Wenn die Fußgängerampeln Grün zeigen, ist von den strahlendweißen Zebrastreifen, die Tokios berühmteste Straßenkreuzung zieren, nichts mehr zu sehen. Aus allen Richtungen ergießen sich gigantische Menschenwellen auf den Asphalt. Sie strömen an den Rändern des von trendigen Shopping Malls, von Wolkenkratzern und Hochbahntrassen umstellten Quadrats, wogen kreuz und quer, schwappen in der Mitte zusammen und sind im Nu wieder verlaufen. Kaum hat der motorisierte Verkehr freie Fahrt, staut sich auf den Gehwegen der nächste Körper-Tsunami.

Organisiertes Chaos im Zwei-Minutenrhythmus. Was da pausenlos aufgeführt wird, ist ein streng getaktetes Live-Spektakel, eine Art spontanes Mitmach-Theater für alle, das sich immer wieder neu formiert. Und ein geschmeidiges Massenschauspiel, über das Besucher aus Europa nur staunen können.

Selbst in höchster Verdichtung gehen die Seitenwechsel ohne Rempler und Geschiebe ab. Als sei jede Bewegung von einem inneren Kompass gesteuert, der Kollisionen ausschließt. Gerade im hochfrequentierten öffentlichen Raum ist, so scheint es, die Sphäre des Einzelnen unantastbar. Umsicht, Rücksicht, Weitsicht – das ...

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Opernwelt April 2019
Rubrik: Reportage, Seite 48
von Albrecht Thiemann

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