O Tanz, o Rausch, o Wahn!
Das Bild passt zur Musik. Vor dem Spiegel, im Totenhemd, die kahle Sängerin, ein Gespenst: Marie. Hinter ihr Paul, der Witwer, «in höchster Erregung» (Regieanweisung), aber noch höherer Verwirrung, dem Tod ins Auge blickend: Einen Tritonus hinauf springt sein Ruf, vom zweigestrichenen es zum a, aber er gilt der falschen Frau: «Marietta». Die abfallende kleine Sekunde, der Seufzer vom a zum as, illustriert die Verwechslung, evoziert aber auch den Riss zwischen Realität und symbolischer Ordnung.
Und dann knallt, im dreifachen Forte, dieser dissonante, auf einer Quint sitzende, nur eine Sechzehntel anhaltende Akkord in den Saal, der sich aus den Tönen des «Marietta»-Rufes speist: im Bass durch eine Quinte ausgehöhlt wie die Klavierbegleitung in Schuberts «Leiermann» (as-es), in den Mittel- und Oberstimmen die unheilkündende Tritonus-Spannung a-es-a, die sinnbildlich wirkt für diesen Moment, in dem die Tote ins Leben zurückkehrt, um ihren Gatten in einem klagenden, vom Gewissensmotiv beherrschten Gesang in der Todestonart d-Moll an ihre verblichene Liebe zu erinnern.
In solchen Momenten zeigt sich, was ein Dirigent vermag. Und Kirill Petrenko vermag viel. Sehr viel. Er ist der ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Inwieweit das Gärtnerplatztheater auch größere Opernformate spielen sollte, bleibt eine Schlüsselfrage für Münchens zweite, kleinere Musiktheaterbühne. Josef E. Köpplinger, der gegenwärtige Intendant, schien in den letzten Jahren eher verstärkt auf Operette und Musical zu setzen. Dass er nun erstmals in der Geschichte des Hauses Giacomo Puccinis «Tosca» ansetzte,...
Das Stück war nicht etwa uninteressant, es war einfach zu interessant, und deshalb war es schnell weg»: So deutet Peter Konwitschny das Schicksal von Paul Dessaus Oper «Lanzelot», uraufgeführt 1969 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, nirgendwo mehr inszeniert seit 1972. Der Regisseur, Jahrgang 1945, war selbst Mitakteur der (staatlich gelenkt) blühenden,...
Orlando revisited
Virgina Woolfs «Orlando»-Roman gehört zu den Schlüsseltexten im geistigen Kosmos der der Komponistin Olga Neuwirth. Ihr gleichnamiges Musiktheater auf den Stoff hat sie im Auftrag der Wiener Staatsoper geschrieben. Dirigent der Uraufführungsproduktion ist Matthias Pintscher (auf dem Foto beim Studium der Partitur)
Zurück in die Zukunft
Jacques...
