Hier Melancholie, dort Machiavelli

Schwerin: Donizetti: Lucia di Lammermoor

Opernwelt - Logo

Beschaut man die Szene, wird die Erinnerung an Schubert wach: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. Losgelöst von den Menschen, schwebt Lucia Ashton – soeben hat sie den ihr aufgezwungenen Gatten Arturo gemordet – im blutbefleckten Hochzeitskleid die Treppe hinab in den Saal (Bühne: Robert Pflanz), besteigt den festlich gedeckten Tisch, liegt dort, von Kerzen beleuchtet, und hebt an mit dieser unglaublich schönen und schmerzensreichen Arie, die uns von der Liebe erzählt – von einer unmöglichen.

Kein Zweifel, hier ist jemand aus seiner Mitte verrückt geworden: von den Umständen, auch von der Gesellschaft, die ihrerseits von ihr abrückt (der famose Chor des Mecklenburgischen Staatstheaters in den wallenden Gewändern von Bettina Lauer). Einer nach dem anderen verlässt den Ort des Grauens. Mit einem solch irren Sinn will man nichts zu tun haben.

Es ist die berührendste Szene der Oper «Lucia di Lammermoor»: der tragischen Titelheldin Abschied von der Welt. Beeindruckend gerät er hier nicht nur wegen der irisierenden Pianissimo-Stimme der koreanischen Sopranistin Hyunju Park, die über eine exquisite Belcanto-Technik gebietet (im Forte allerdings mit etwas zu viel Nachdruck ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Wahnsinn und Eigensinn

Nicht einmal zehn Minuten braucht man zu Fuß, um vom Opernring in die Linke Wienzeile zu gelangen. Und doch liegen Welten zwischen der mit Stars, Glamour und touristenkompatibler Repertoire-Pflege prunkenden Staatsoper und Wiens (neben der Volksoper) «drittem» Opernhaus, das seit 2006 unter der Leitung von Roland Geyer dank klarer Programmatik und kluger...

Editorial

Eine Gagenhöhe kursiert, die niemand bestätigen möchte. Auch wir sind natürlich weit davon entfernt, sie als Faktum zu begreifen. Aber wenn sie nicht stimmt, so wäre sie doch gut erfunden. Denn es geht um eine Tendenz. Konkret: Im kommenden Sommer wird Anna Netrebko zusammen mit ihrem Lebensgefährten Erwin Schrott und dem Tenor Jonas Kaufmann drei Konzerte in...

Kitsch as Kitsch can

«Adriana Lecouvreur» wurde 1902 in Mailand uraufgeführt, bevor sie zwei Jahre später in einer ersten Produktion an der Royal Opera Covent Garden zu erleben war. Die letzte dortige Aufführung vor David McVicars aktueller Neuproduktion datiert, man höre und staune, in das Jahr 1906 zurück. Überhaupt war «Adriana Lecouvreur», abgesehen von gelegentlichen Gastspielen...