Strom der Empfindungen
Man hört es und fühlt sich sogleich erinnert. Dieser Seufzer! Unzählige Male wurde er in die Welt entsendet, so häufig und so verzweifelt, dass man irgendwann gar nicht anders konnte, als still und leise mitzuseufzen. Auf welchen Wegen aber gelangte dieses Sekundmotiv in ein Stück, das nicht «Pique Dame» heißt und aus der Feder Peter Iljitsch Tschaikowskys stammt? Ganz einfach: Es fiel einem Eklektiker in die Hände, präziser: dem 1956 geborenen schwedischen Komponisten Rolf Martinsson. Macht aber nichts. Klingt trotzdem schön. Immer wieder.
Und passt ja auch zum Sujet.
Denn in diesem Garten der Hingabe geht es ähnlich trist und trübe zu wie in Hermanns, des Spielers, Seele. Mit dem feinen Unterschied, dass in Martinssons Lied-Zyklus «The Garden of Devotion» auf Gedichte von Rabindranath Tagore die Geschichte einer unerwiderten Liebe einem Sopran und einem Streichorchester überantwortet ist. Lisa Larsson, Landsfrau von Martinsson, erfüllt die Vorgaben der Partitur in idealer Weise. Ihr glockenhell timbrierter Sopran leuchtet in lyrischer Intensität und übertönt selbst in melismatischen Momenten locker den süffigen Streichersatz. Die Nähe zur filmmusikalischen Untermalung ist ...
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Opernwelt September/Oktober 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 50
von Jürgen Otten
Ein Sommerabend in Rom. Sonnenstrahlen scheinen auf antike Ruinen, Überziehen die Terrakottatöne mit Bronzeglanz. Alles duftet noch nach der Hitze des Tages, die jetzt heftig aus den Steinen emporsteigt, einen Augenblick über der Erde verweilt, massig und schwer, bevor der Wind sie in den Himmel trägt. In den Pinien und Zypressen singen die Zikaden, über ihnen...
Vom Teatro alla Scala gibt es die schönen, noch auf die Zeiten Toscaninis zurückgehenden Plakate mit den dekorativen Lorbeerzweigen und dem roten Kreuz des Mailänder Stadtwappens in der Mitte. Mit dem emblematischen Logo waren bis vor Kurzem auch die Eintrittskarten geschmückt. Sie wurden von Hand eingetütet, per Post verschickt und galten bei den Besuchern als...
I.
73 Meter unter der Erdoberfläche stehen wir, fröstelnd – und verstehen alles besser. Zu sehen ist nicht viel. Feuchte Felswände. Eine schwere Eisentür, wie zu einem Tresor. Gemauerte Sperren in diffusem Licht. Dahinter liegt die Grenze. Der schmale Tunnel, durch den wir – mit eingezogenem Kopf – hierher gekommen sind, wurde von Nordkorea aus gebaut. Alle paar...
