Aus der Balance
Die «Elektra»-Musik ist die modernste und kühnste, die Richard Strauss je komponiert hat. Kreischende Dissonanzen, schlingernde Polytonalität. Das Orchester fährt pausenlos Achterbahn, wenn es alle Herausforderungen meistert. Zu den während der letzten beiden Jahrzehnte produzierten CD-Einspielungen zählen die von Daniel Barenboim (1994), Giuseppe Sinopoli (1995) und Semyon Bychkov (2004). Nun ist der Mitschnitt einer konzertanten Aufführung mit dem London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev erschienen, die 2010 im Barbican stattfand.
Die technische Perfektion des Orchesters ist bemerkenswert, und doch kann die Produktion keinen Spitzenplatz in der «Elektra»-Diskografie beanspruchen. Gergievs Deutung hat nicht jenes dämonisch lodernde Feuer, das etwa Dmitri Mitropoulos 1957 mit Wiens Philharmonikern entfachte. Er kann auch nicht mit jener Transparenz und differenzierten Klanggestaltung konkurrieren, die Karl Böhms Studioaufnahme aus dem Jahr 1960 charakterisieren.
Bis an die Grenzen zu gehen, ohne die Sänger zu gefährden – das ist eine Gratwanderung. Das Werk fordert eine genau austarierte Balance innerhalb des Orchesterapparates. Zu hören ist das unter Gergiev allenfalls ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Medien, CDs und DVDs, Seite 44
von Christoph Vratz
Box-wer? Ich starre angestrengt auf die Daten meiner nächsten Reise und warte darauf, dass aus den Untiefen meines Gedächtnisses irgendetwas auftaucht – unbemerkt erworbenes Randwissen vielleicht, man darf ja hoffen. Vergebens. Auch der Gang in die Bibliotheken fördert wenig zutage. Boxberg, Christian Ludwig, 1670-1729, Verfasser einer Oper mit dem Titel...
Hier kocht der Chef. In der Welt der Küchenschlachten und Topfgeldjäger gilt dies als Referenz. Doch kann das gelegentlich auch schiefgehen – wenn nämlich der an sich zuständige Maître sich bei den Zutaten vergreift. Im übertragenen Sinne ist dies nun dem Wiener Stagione-Opern-Kulinarikum (das freilich über solch rein Kulinarisches meist hinauslangt) passiert, weil...
Selten ist im Vorfeld einer Premiere so viel schiefgelaufen wie jetzt im Mannheimer Nationaltheater bei Johann Christian Bachs «Temistocle», einer Reformoper, die 1772 in Mannheim uraufgeführt und seither kaum mehr gespielt worden ist. Ursprünglich sollte sie szenisch von Achim Freyer betreut werden. Als dieser sich entschied, als «Ring»-Regisseur einzuspringen,...
