Italienische Reise
In der letzten Szene von Donizettis «Maria Stuarda» betritt, jedenfalls in Pier Luigi Pizzis Inszenierung, mit dem einleitenden Chor auch der Henker die Bühne. Erst unentschlossen, sucht er seinen Platz und stellt sich, auf sein Beil gestützt, in Positur – ein lebendes Standbild seiner Profession. Er muss sich allerdings in Geduld üben, denn der Chor lässt sich viel Zeit, über die bevorstehenden Schrecken von Marias Hinrichtung zu sinnieren. Wenn Maria endlich kommt, schreitet sie würdevoll am Schafott vorbei, den Henker keines Blickes würdigend.
Dann nimmt sie Abschied von ihren Vertrauten, vereinigt sich mit ihnen im Gebet und äußert schließlich ihre letzten Wünsche. In einem ergreifenden Arioso verzeiht sie ihrer Widersacherin. Da kommt Leicester, mit dem sie sich in langen Abschiedskantilenen ergeht. Der Henker, ein stoischer Glatzkopf, verfolgt von seinem isolierten Stehplatz aus diese nicht enden wollende Belcanto-Orgie, ohne eine Miene zu verziehen. Schließlich wird es ihm doch zu viel, und er reißt Maria den Mantel von den Schultern. Doch die lässt sich nicht irritieren, hebt an zu einem letzten triumphalen Addio, bevor sie sich aufs Schafott bequemt. Fast eine halbe Stunde ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ein Wurf? Wenn man «Hamlet» mit den Meisterwerken von Hans Werner Henze oder mit Aribert Reimanns «Lear» vergleicht – dann gewiss nicht. Doch mit sonstigen Berliner Uraufführungen kann sich die neue Oper von Christian Jost ohne Mühe messen. Der Publikumserfolg des Premierenabends galt neben dem pragmatisch zupackenden Gestus vor allem der Tatsache, dass hier...
Die Enttäuschung darüber, dass der von Stress und Pech verfolgte Rolando Villazón sich nicht in Baden-Baden für die Rolle des Werther würde einfinden können, war groß. Viele Besucher machten Gebrauch von dem Angebot, die Karten zurückzugeben. Sie verpassten so nicht nur eine glänzend disponierte Elina Garanca, deren Charlotte vergessen machte, dass «Werther» die...
Alles hängt in nachtgrauer Luft. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Himmel und Erde. Was war, was ist, was wird – niemand weiß das mehr zu sagen. Kalt fließt die Zeit, ohne Ursprung, ohne Ziel. Die letzte Stunde hat offenbar schon geschlagen, die Welt taumelt ihrem Ende unrettbar entgegen, wenn im Palau de Les Arts Reina Sofía unter den Augen der Königin die...
