Hasenleber und Drachenschmerz
Wenn Madame hereingeschoben wird, ist die Wuppertaler Opernbühne schon fast voll. Knapp unter der Portalkante schwebt ihr zierlicher Kopf, ragt gerade noch sichtbar aus der tiefblauen Riesenrobe heraus, die ihr die Aura einer fernen Königin der Nacht verleiht. Doch diese wunderliche Majestät wünscht niemandem der Hölle Rache an den Hals, sie erzählt vielmehr eine uralte Geschichte, die in Korea früher jedes Kind kannte. Die Geschichte vom Hasen, der seine Leber hergeben soll, damit der kranke Drachenkönig im Meer wieder gesund wird.
Nur eine Hasenleber könne den König vor dem Tod bewahren, behauptet der Medizinmann. Doch kein Untertan aus dem Wasserreich will an Land gehen, um den Hasen zu holen. Der Goldbarsch nicht, die Alse nicht und auch der Frosch mit seiner Bauchtrommel nicht. Als sich endlich die Sumpfschildkröte auf die Reise macht und ihn mit fingierten Versprechungen ins Drachenreich lockt, dämmert Mister Rabbit, was da gespielt wird – und er führt seine Widersacher mit Witz, Intelligenz und grenzenloser Fabulierlust an der Nase herum. Nach und nach schlüpfen die menschlichen Tierfiguren aus Madame Pansoris Rockschoß, drollige Kinder ihrer blühenden Fantasie.
Wie alt die ...
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Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Magazin, Seite 65
von Albrecht Thiemann
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