Tektonische Verschiebungen
Das berüchtigte Buch über den angeblichen «Kulturinfarkt» war noch längst nicht auf dem Markt, als das Motto der dritten Kunstfestspiele Herrenhausen geradezu visionär mit der Formel «Fragiles Gleichgewicht» festgelegt wurde. Zu dieser programmatisch definierten Zerbrechlichkeit scheint zu passen, dass auch die diesjährige documenta mit dem Motto «Zusammenbruch und Wiederaufbau» einen Titel gewählt hat, der einem Lebensgefühl existenzieller Unsicherheit Ausdruck verleiht.
Keine Frage: Die Verhältnisse sind in Bewegung, und die tektonischen Verschiebungen im Zuge der globalen gesellschaftlichen Umbrüche treffen die Künste keineswegs zuletzt.
Dabei könnte man in Hannover – dem Gerede vom Kulturinfarkt zum Trotz – eigentlich sehr gelassen sein. Denn in Zeiten der Kulturkürzungsdebatten ist hier ein hoch ambitioniertes Festival vor gerade einmal zwei Jahren neu entstanden. Und zwar nicht gegen den Widerstand der Politik, sondern auf deren ausdrücklichen Wunsch. Elisabeth Schweeger, Gründungsintendantin des Festivals, weiß das zu schätzen: «Davor ziehe ich erst einmal meinen Hut. Ich habe das Gefühl, dass die Politik erkannt hat, dass Kultur ein notwendiger Bestandteil des Ganzen ist. ...
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Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Regine Müller
Berthold Goldschmidt gehört zur «verlorenen Generation» deutsch-jüdischer Komponisten, die – oft erst am Beginn ihrer Karriere – der Verfolgung durch die Nationalsozialisten anheimfielen. Viele von ihnen wurden nach dem Ende des Krieges vergessen, teils, weil die «Unwert»-Urteile der NS-Musikpublizistik nachwirkten, teils, weil ihre Musik den Konzeptionen der...
Gut 1000 Luftlinienkilometer liegen dazwischen, und was die Aufführungstradition betrifft, da ist die Entfernung gleich gar nicht mehr abzuschätzen. Wagner, das ist für die Bayerische Staatsoper Alltagsgeschäft, für die Oper Sofia der Ausnahmefall. Auch wenn dort seit 2010 pro Saison ein «Ring»-Stück gestemmt wird, so gleicht doch jede dieser Produktionen einer...
Manchmal werden ja wirklich Dinge beim zweiten Mal präziser, logischer, auch schöner. So ist es jetzt jedenfalls David Alden widerfahren. Der scheint sich neuerlich auf längere Regiesicht mit Händel zu beschäftigen, so wie er es früher in seiner meist hollywoodbunten, quietschigen Inszenierungsreihe an Peter Jonas’ Bayerischer Staatsoper vollführt hat. Nach seiner...
