Mittelmaß
Glaubt man dem Klappentext, zeigt sich Benjamin Godard in seiner Dante-Oper «auf dem Gipfel melodischer Inspiration und kompositorischer Meisterschaft, in einem Stil, der Gounod erneuert und den Vergleich mit Massenet nicht zu scheuen braucht». Das sah die zeitgenössische Kritik anders. Camille Bellaigue zeterte: «Ihr, die ihr in die Opéra-Comique eintretet, lasst alle Hoffnung fahren, alle Hoffnungen, etwas anderes zu sehen als Nippes: einen Dante als Pendelfigur und eine Beatrice aus Zuckerguss.»
Natürlich können sich Zeitgenossen irren.
Doch auch nach mehrmaligem Hören irritieren an dieser Oper aus dem Jahre 1890 die verkitschte Geschichte, die wenig profilierte Personencharakteristik und ein reichlich epigonaler Stil. Zwar «funktioniert» Godards melodramatische Musik mit ihrer ebenso effektsicheren wie massiven Instrumentation. Jede Geste scheint unter Starkstrom gesetzt. Doch gelangt die Partitur kaum über die Illustration der szenischen Kontraste hinaus. Vieles spricht dafür, dass in der dunkleren «Françoise de Rimini», in der Godards Lehrer Ambroise Thomas schon 1882 den leibhaftigen Dante hatte auftreten lassen, weit mehr an «melodischer Inspiration und kompositorischer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Anselm Gerhard
Die kunstvollen, teils kontrapunktischen Arien, die Ouvertüre und den Schlusschor gab es bereits – erstmals 1727 waren sie in London erklungen, bei der Uraufführung von Händels «Riccardo primo, Re d’Inghilterra» auf ein Libretto von Paolo Antonio Rolli. Als Telemann einen Druck der Gesangsnummern aus «Riccardo» erhielt, erschien ihm eine Aufführung in Hamburg...
Mondsüchtiger Taumel, laszive Erotik, rasende Obsessionen – schon die betörend schillernde Klarinettenfigur, mit der Strauss die Prinzessin aus Judäa einführt, lässt keinen Zweifel, dass sich etwas zusammenbraut. Im sehrenden Anfang schwingt das tödliche Ende bereits mit. All die Exzesse, Fantasien und Gefühlsexplosionen, die der 1905 in Dresden uraufgeführten...
Eine Oper der stetigen Veränderung. Kaum eine Phrase ist wie die andere. Auch wenn sie ähnlich klingt, der Rhythmus weiterläuft, jede enthält kleine, wirkungsvolle neue Impulse. Philip Glass erzählt in «Echnaton» von einem radikalen Veränderer, jenem Pharao, der sich von der unübersichtlichen Vielgötterwelt lossagte und Aton, den Sonnengott, an ihre Stelle setzte....
