Lied von der Qualle
Dass in dem Wort Qualle die Qual enthalten ist, wäre eine kalauernde Erklärung, warum während des Finales im dritten «Figaro-Akt eine gewaltige Medusa mit Tentakeln sich wie ein fahler Mond am Horizont erhebt. Klar, eine Metapher, trotzdem unschön anzusehen, wie die seelische Qual, die sich hier das Hauptpersonal gegenseitig bereitet. Für Programmheftleser dechiffriert sich das Bild durch eine sophistische Volte im Gespräch zwischen dem Dramaturgen und der Regisseurin.
Er fragt, ob Quallen Liebeskummer haben … Hoffentlich nicht, repliziert die für die Inszenierung verantwortliche Christiane Pohle. Die Begegnung des «Figaro»-Personals mit einer «Tiefseeexistenz», vermutet sie, wäre vielleicht bereichernder als die mit «dem*r nächsten menschlichen Lebensabschnittsgefährt*in».
Wer so sprachlich murkst und die These dann auf die Bühne bringt, muss mit dem Einspruch von Mozarts Musik rechnen – selbst dann, wenn sie für einen Moment lediglich den Traum vom (gewesenen) Glück evoziert und damit eine pessimistische Sicht auf menschliche Beziehungsfähigkeit andeutet. Ein Moment wie am Schluss der Oper, nach der Bitte des Grafen um Verzeihung. Das schmerzliche G-Dur-Feld und die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Götz Thieme
Als im Jahr 1876 das «Rheingold» zum ersten Mal in Bayreuth erklang, ließ Richard Wagner das tiefe Es des Beginns von einer Orgel unterstützen. Im Festspielhaus gibt es sie heute nicht mehr, auch in der Partitur ist sie nicht notiert. Wahrscheinlich waren Wagner die Kontrabässe auf den zeitgenössischen Darmsaiten schlicht zu leise, wie er etwa auch die Bratschen...
Eine Sache müsse er jetzt noch sagen. Nicht um Musikalisches ging es in diesen Minuten, um das Programm mit Strauss und Brahms, sondern um so viel mehr. Dankbar sei er dafür, sprach Mariss Jansons, wie sehr er mit den Musikern zusammenwachsen durfte, wie man zu einer Familie geworden sei. Die jetzt – und das sagte er nicht, weil es mitschwang in diesen Worten –...
«Toujours à l’improviste» – immer aus dem Augenblick heraus: So seien ihm die einzelnen Szenen von «La Damnation de Faust» während einer Konzertreise durchs alte Europa erschienen. «Ich suchte nicht nach Ideen, ich ließ sie zu mir kommen, und sie stellten sich ein, in völlig unerwarteter Reihenfolge.» Erst in einem letzten Arbeitsschritt habe er das Heterogene zu...
