«Griselda» als Gesamtkunstwerk

Jean-Christophe Spinosi hat mit seiner dritten Vivaldi-Operneinspielung Maßstäbe gesetzt

Opernwelt - Logo

Langes Drumherumreden nützt in diesem Fall nichts: Diese Einspielung von Vivaldis «Griselda» ist eine der brillantesten Opernaufnahmen seit langem. Eine Produktion, die den Hörer keine Sekunde lang entspannen lässt, die ihn vom Sessel aufscheucht und auf eine harte Stuhlkante zwingt; nur so wird er mitbekommen, was hier an musikalischer Dramatik, Spannung und Intelligenz geboten wird.
Das von Apostolo Zeno stammende Lib­retto erweist sich, rein stofflich, als eine etwas befremdliche Nummer.

Es erzählt die Geschichte der Königin Griselda, die von ihrem Volk wegen ihrer niederen Herkunft verachtet wird und dennoch durch Mut und Leidensfähigkeit am Ende Liebe und Treue gewinnt. Allerdings wird diese Handlung, basierend auf einer Erzählung aus Boccaccios «Decamerone» immer wieder durch Verwirrspiele – Prüfungen, Entführer und Entführte, Rückkehrer und Ausbrecher – dermaßen verkompliziert, dass der Überblick leicht verloren gehen kann. Vivaldi hatte die Schwächen dieser Textvorlage erkannt und Carlo Goldoni mit einer Überarbeitung beauftragt.
Für den Komponisten bedeutete «Griselda» eine Art Höhe- und Wendepunkt in einem. Nach mehr als zweiundzwanzigjähriger Verdammung öffnete sich ihm ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2006
Rubrik: CDs, Seite 58
von Christoph Vratz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Herzenssache

Frau Heidenreich, Sie sind nicht nur eine leidenschaftliche Leserin belletristischer Literatur, Sie lieben auch die klassische Musik, zumal die Oper. Woher rührt diese Zuneigung?
Das kommt von meiner Mutter. Sie war sehr musikalisch und konnte jede Melodie nachsingen, die sie irgendwo gehört hatte. Und zwar, ohne je die Stimme geschult oder ein Instrument gelernt zu...

Das Zypern-Dreieck

«Otello» ist ein gigantisches Decrescendo, der physische und psychische Verfall eines strahlenden Helden. Ein Abgesang in vier Akten. Verdi hat eine soghafte Privattragödie komponiert, die formale Dekonstruktion ­einer Heldenfassade, die Vera Nemirova in Dresden nun mit dem Aufbau der Fassaden einer Spaßgesellschaft konterkariert.
Am Anfang steht der Sturm. Zum...

Kühle Wende

Für Kent Nagano, den Japaner aus Kalifornien, bedeutet die Hochschätzung der kulturellen Tradition Münchens, des Musik- und Opernerbes, kein wohlfeiles Kompliment an den neuen Wirkungsort, sondern eine künstlerische Notwendigkeit, zu der er sich jüngst euphorisch bekannte. Und dennoch hat Nagano für seine Einstands­premiere an der Bayerischen Staatsoper, was die...